EnglishDeutsch
cj cover 1 13 d startseite

16-andrea-larrong

Die Zigarren-Lady vom Film

Text: Elmar Schalk / Fotos: Nina Bauer

München hat viel zu bieten: Restaurants, Biergärten, Cafés. Trotzdem ist es nicht einfach, ein ruhiges Plätzchen zu finden, wo man mit einer prominenten Schauspielerin über Zigarren plaudern kann. „Kommen Sie doch einfach zu mir!“ schlägt Andrea L’Arronge vor. Wir nehmen das Angebot gerne an.

Andrea L’Arronge zählt zu den Menschen, die man nicht so schnell vergisst. Die blonde Schauspielerin mit der sportlich-schlanken Figur ist präsent und in ihren Rollen unverwechselbar: Als energische Baby Jane kämpft sie in der deutschen TV-Serie „Anwalt Abel“ um Gerechtigkeit und wirbelt als Gräfin Schönberg die „Soko Kitzbühel“, eine erfolgreiche Krimiserie, durcheinander. Privat mag sie es weitaus ruhiger – keine Skandale in der Yellow Press, keine exaltierten Partyauftritte, statt dessen ein Häuschen in einem Münchener Vorort.
„Da sind Sie ja!“ ruft Andrea L’Arronge und schaut ihre Besucher ganz genau an. Steht man ihr persönlich gegenüber, wirkt die 1,63 m große L’Arronge noch zierlicher, gleichzeitig aber von einer unglaublichen Power angetrieben. Im Wohnzimmer bleibt Zeit für einen Rundumblick, während sie heiße Milch für den Latte macchiato aufschäumt: Die Einrichtung ist geschmackvoll, modern und gemütlich, Bilder hängen an den Wänden, in der Ecke steht ein Humidor, auf dem Esstisch ein Blumenstrauß, und die Frühlingssonne scheint durch den Wintergarten. „Ich wäre gerne Innenarchitektin geworden“, sagt Andrea L’Arronge. „Neue Wohnungen einzurichten liebe ich heiß und innig, da bin ich in meinem Element.“ Doch die Schauspielerei kam ihr dazwischen – und damit ging es bereits früh los. Mit acht Jahren stand sie das erste Mal vor der Kamera. Für eine Zahnpastawerbung. „Das hatte die Großmutter eingefädelt.“ Es folgten kleinere Fernsehrollen und schließlich „Salto Mortale“ – eine Zirkusserie, die in Deutschland Kultstatus genießt. Zwar hatte ihre Mutter gelegentlich angemahnt, sie solle „was Anständiges“ lernen und studieren, aber wenn man in einer Künstlerfamilie wie den L’Arronges aufwächst, fällt die Berufswahl immer etwas kreativer aus. Da ist Adolph L’Arronge, der Ende des 19. Jahrhunderts das Deutsche Theater Berlin mitbegründete, nur ein Beispiel von vielen. Und während der Vater als Kameramann von Dokumentarfilmen häufig im Ausland war, stattete die Mutter als Kostümbildnerin Filme mit den Publikumslieblingen Roy Black und Uschi Glas aus. Mit 13 Jahren hatte die Tochter schon sehr klare Vorstellungen von ihrem späteren Privatleben: „Ich heirate und kriege Kinder, und das wird für mich das Wichtigste auf der Welt sein.“ Bis heute ist für sie die Familie der konstante Gegenpol zur ihrem eher unsteten Beruf. Mit 13 sagte sie auch dem klassischen Ballett Lebewohl und nahm Privatunterricht bei einer Tanzlehrerin aus den USA. Später brachte ihr die Musical-Ausbildung eine Rolle in Ingmar Bergmans Film „Das Schlangenei“ ein. Dass sich moderne Filmmusicals in Deutschland nie richtig durchsetzen konnten, bedauert sie ein wenig. Aber immerhin gab sie nicht nur Jean Harlow, sondern auch der Tanzlegende Ginger Rogers ihre Stimme. Ihre erste Synchronarbeit war übrigens – Widdewiddewitt – „Pippi Langstrumpf“, die Verfilmung des gleichnamigen Astrid Lindgren-Kinderromans.

Kuba soll gefährlich sein? So ein Quatsch
„Jetzt würde ich gerne rauchen!“ erklärt Andrea L’Arronge. Eine Handgerollte als Gastgeschenk nimmt sie gern an: Lieber eine kleine oder eine große? „Klein bin ich selber, ich nehm’ die Große“, lautet keck die Antwort. Wie kam sie denn zur Zigarre? „Durch meinen Mann, der vor allem zu Havannas eine große Affinität hat.“ Kennen gelernt hat sie ihn in Schottland, als sie gerade „Der Fehler des Piloten“ drehte. Man muss es als ein Augenzwinkern des Schicksals deuten, dass ihr Mann Pilot der Luftwaffe war und zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien vom Starfighter auf Tornado umschulte. In Schottland entstand auch die Liebe zum Single Malt Whisky – wie die Zigarre eine Leidenschaft, die sie gern miteinander teilen. „Aber für mich ist auch Rum eine ganz tolle Spirituose, manchmal trinke ich ihn zu einer Zigarre fast noch lieber.“ Und sie schwärmt vom goldenen Zuckerrohrdestillat auf Mauritius. Durch ihren Beruf kommt die Münchnerin viel herum in der Welt. Mauritius war ausnahmsweise kein Drehort, sondern ein ganz privater Urlaub. Genauso Kuba: Die vom Reisebüro angepriesene Ferienanlage in Varadero entpuppte sich jedoch als ein franko-kanadisches Wildgehege: „Ich habe noch nie so viele tätowierte Menschen an einem Ort gesehen.“ Im Gegenzug blieb der Roomservice unsichtbar, für den ersten Kaffee des Tages musste man schon selbst zum Buffet trotten. „Aber“, strahlt Andrea L’Arronge, „im Leben hat ja alles einen Sinn!“ An einem dieser mürrischen Morgen wurde sie von einem Hotelgast erkannt, einem Österreicher, der auf Castros Insel ausländische Wirtschaftsdelegationen betreut. Durch diesen Insider aus dem Ferienghetto befreit, lernt die Familie L’Arronge die „Varaderos“ als lebensfrohe, sehr freundliche Menschen kennen, „die trotz ihrer Armut keinen Neid empfinden, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Im Reisebüro hatte man uns gesagt, wir sollten ja nicht die Anlage verlassen, es sei überall gefährlich … so ein Quatsch!“
Den anschließenden Kurztrip nach Havanna beschreibt die Schauspielerin ebenso positiv. Auch hier kann sie einen Blick hinter die Kulissen werfen – Schönheit, Elend und „kubanische Abkürzungen“. Über den Postminister erhalten sie kurzfristig Karten für das Tropicana. Sie sehen aber auch „tausendfach geflickte Kostüme“ und Tanzschuhe, „die so ausgeleiert sind, dass hierzulande niemand damit tanzen könnte“. Um so mehr beeindruckt sie die Hingabe und Leidenschaft der Revue-Truppe. Tochter Jessica, die schon damals Restauratorin werden wollte, ist vor allem von der kolonialen Architektur fasziniert, staunt angesichts der bröckelnden Fassaden: „Hier komme ich nach der Ausbildung her!“ Gerne denkt Andrea L’Arronge auch an den Besuch einer Zigarrenmanufaktur zurück: „Es war hochinteressant und ganz toll“, wenngleich der Saal mit den Torcedores an eine Galeere erinnerte. „Unserer blonden Tochter haben sie nachgepfiffen und geschrieen wie die Seemänner.“ Und weil gerade eines der typischen, privaten Restaurants (span. Paladares) geöffnet hatte, gab es abends echte kubanische Küche. Landestypische Gerichte haben die leidenschaftliche Köchin schon immer fasziniert. Vieles hat sie nachgekocht, wenn sie von ihren Drehorten zurückgekehrt war. So ist aus den Rezepten neun verschiedener Länder bereits ein eigenes Kochbuch entstanden.

„Tabak und Wein sind Kulturgüter, die es zu bewahren gilt“
Zur Zeit beschäftigt sie sich allerdings mit der vegetarischen Küche Indiens, denn die Familie isst immer weniger Fleisch – eine ziemliche Herausforderung für die bekennende „Fleischpflanze“. Auch bei den Zigarren liebt sie es abwechslungsreich, mal raucht sie eine eher leichte Davidoff, dann eine würzige Romeo y Julieta. Ihre Lieblingsformate sind Corona, Torpedo, Figurado und Robusto. Dass man es mit echten Aficionados zu tun hat, sieht man schon am gut gefüllten Humidor. Beim Thema „Rauchverbote“ hört jedoch bei ihr der Spaß auf: „Es ist völlig überzogen, dass uns die EU vorschreibt, welche Gesetze wir erlassen sollen. Diese totale Bevormundung und dass sich alle den Genuss verbieten lassen, finde ich sehr bedenklich.“ Es macht sie wütend, wenn Studien über das Passivrauchen aus dem Hut gezaubert werden, die nur auf hochgerechneten Werten beruhen, und Politiker diese Forschungsergebnisse als publicityträchtige Trumpfkarten ausspielen. „Demnach müsste die halbe Generation unserer Eltern und Großeltern vom Lungenkrebs dahingerafft worden sein!“ So wird ihr privates Vergnügen zu einem öffentlichen Statement: „Ich stehe dazu. Ich rauche gerne und mit Genuss. Tabak und Wein sind für mich Kulturgüter, die es zu bewahren gilt.“ Ein gutes Stichwort: Kürzlich wurde sie Weinpatin für einen weißen Tropfen aus dem österreichischen Kamptal. Die Ortschaft Schönberg hatte ihr dies angeboten, da sie in der Serie „Soko Kitzbühel“ die Gräfin Schönberg spielt. Andrea L’Arronge fand die Idee reizend, fuhr an einem freien Wochenende hin und musste zunächst etliche Weine probieren, schließlich wurde das „Honorar“ in Naturalien bezahlt. Ihrer eisernen Disziplin war es dann zu verdanken, dass sie die nachfolgende Veranstaltung samt Segnung des Weines durchstand und fehlerfrei ihre Rede hielt. Auf die Frage, warum sie den Weißwein nach ihrer Tochter Jessica benannt hat, lächelt die Münchnerin vielsagend: „Da hab ich mir wirklich einen Knopf ins Gehirn gedacht: Der Wein ist jung, blond, spritzig … so wie meine Tochter.“
Die wäre beinahe in ihre Fußstapfen getreten, spielte schon bei „Bulle von Tölz“, „Küstenwache“ und „Soko“ mit, entschied sich dann aber für ein Kunststudium in Florenz. „Eine gute Entscheidung“, findet die Mutter, deren eigene Kindheit und Jugend vor allem aus Arbeit bestand, weshalb sie ihrer Tochter bis zum 16. Lebensjahr Drehverbot erteilt hatte. „Ihre Begabung war da, aber man muss so viel einstecken können heutzutage. Das Geschäft ist ziemlich brutal.“ Es ist nicht nur Leistung gefragt, sondern enormes Selbstbewusstsein, Ellenbogen und die Begabung, Kontakte zu knüpfen. Andrea L’Arronge überzeugt durch Können und Charisma. Kultserien wie „Anwalt Abel“, Filme wie „Bittere Unschuld“ oder „Ein Mann für jede Tonart“ gehören zur langen Lis-te ihrer Erfolgsproduktionen. Sie spielt öfter in TV-Krimis mit und sorgt auch in Serien wie „Hotel Paradies“ für knisternde Spannung. Ihr macht das großen Spaß. Und wie findet die Schauspielerin Entspannung von der Fernsehbranche? „Ich schwimme für mein Leben gern und mache seit vielen Jahren Yoga.“ Seit sie mit einem Golfer verheiratet ist, schwingt sie auch öfter das Eisen. „Ich hatte keine andere Chance: Entweder mitmachen oder Witwe werden“ – Golfwitwe. Inzwischen geht sie gerne aufs Green: „Dass man lange in der Zweisamkeit geht und ausgedehnte Gespräche führen kann, das liebe ich daran sehr.“ Außerdem wird oft für einen guten Zweck gespielt. Denn sie ist Mitglied der „Eagles“, einer Gruppe Golf spielender Prominenter (www.eagles-charity.de) und ihr Mann ist Herausgeber des gleichnamigen Golfmagazins des Charity Golf Clubs. Die Wirtschaft zahlt dafür, dass sie auf Turnieren mit den bekannten Gesichtern werben darf. So kommen pro Jahr bis zu 1,5 Millionen Euro wohltätigen Zwecken zugute. Karitativ denken und handeln hat die Schauspielerin bereits durch das Elternhaus mitbekommen: „Jedes Jahr zu Weihnachten habe ich mit meiner Mutter im Waisenhaus Stofftiere, Bücher und anderes abgegeben, was ich nicht mehr brauchte. Das war einfach normal. Wenn es einem gut geht, gehört das dazu.“
Sich mit Andrea L’Arronge zu unterhalten, ist sehr angenehm. Sie ist konzentriert, offen und selbstbewusst, macht aber kein Tamtam um ihre eigene Person. Es scheint ihr immer mehr um die Sache zu gehen – beim Film, beim Genuss oder bei neuen Projekten, wie ihrer Kosmetiklinie „Shanti“: Sie wollte eine edle Naturkosmetik kreieren, die gut riecht und schön aussieht. Natürlich und ohne Tierversuche. Weg von der „Bio-Optik“ und Düften, die „so gesund“ riechen. Daraus entstand Shanti (indisch für „Das höchste Glück – innere Zufriedenheit“). Und genau diesen Eindruck vermittelt Andrea L’Arronge auch ihrem Gegenüber: Ein Mensch, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und seine Mitte gefunden hat.

 
   
 





onmarketing