
THE BIG SMOKE: DUBLIN
Text: James Leyvey / Fotos: James Leyvey
Da saß ich nun bei meinem ersten Glas Guinness im Sean O'Casey-Pub in Dublin. Ich hatte es nötig nach einem hektischen Tag mit dem BBC-Team, das mich dabei filmte, wie ich mir in einer Gefängniszelle für Raucher im Wheatfields, Dublins Hauptgefängnis, auf der Bühne des Abbey Theatre und an einigen anderen Orten der Hauptstadt Irlands und Umgebung eine Havanna genehmige. Die BBC Horizon-Dokumentation We Love Cigarettes berichtet über den Fine Smoke in aller Welt.
Unsere erste Station war das James Joyce-Museum, das sich im Sandycove Martello Tower befindet. Dort beginnt auch das erste Kapitel von Ulysses, dem bekanntesten Roman des berühmten Schriftstellers aus Dublin. Es gelang mir, an einer seiner Zigarrenkisten im Taschenformat zu riechen, und ich steckte, nur für einen Moment lang, eine Montecristo Nr. 2 hinein. „Vielleicht springt ja ein Funke des großen Schrifsteller-Genies auf mich über, wenn ich diese Havanna rauche“, dachte ich. „Dann könnte ich eine Fortsetzung zu seinem Roman schreiben, der in Dublin spielt und sich nur über einen einzigen Tag erstreckt: Ulysses, der Morgen danach.“ Die größte Stadt Irlands hält ein dichtes Programm für uns bereit. Dublin entstand als Wikinger-Siedlung an der Mündung des Flusses Liffey und ist schon seit dem Mittelalter die Hauptstadt Irlands. In den letzten Jahren ist Dublin zu einem pulsierenden, multikulturellen Anziehungspunkt geworden. Trotz seines Image als traditionelle „Auswanderer-Stadt“, ein Trend, der bis in die frühen 1990er Jahre anhielt, lebt in Dublin heute eine beachtliche Anzahl an Einwanderern. Und: In den letzten zehn Jahren sind viele Emigranten in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. 2006 schnellten die Besucherzahlen um 10 Prozent in die Höhe, und Dublin liegt heute, nach Paris und London, an dritter Stelle unter den meist besuchten Hauptstädten Europas. Vier Millionen Touristen besuchen jährlich die Hauptstadt Irlands. Rechnet man diese Zahl zu den 1.661.185 Einwohnern im Großraum Dublin, von denen geschätzte 50 Prozent unter 25 Jahren sind, versteht man, warum die Hauptstadt der Grünen Insel so lebendig ist. Der Grund für die jüngste „Invasion“ ist Dublins angesehene Kulturszene. Besondere Attraktionen sind seine Musiker und Schriftsteller, wie etwa The Dubliners, U2, The Corrs, Chris de Burgh, Westlife, Oscar Wilde, Samuel Beckett, George Bernard Shaw, W.B. Yeats, Jonathan Swift, Bram Stoker und Brendan Behan, von denen viele die Kunst des Fine Smoke pfleg(t)en. Im Sean O'Casey-Pub fragt mich ein Dubliner, ob ich ein Autor von Übersee wäre. Ich bejahte nachdrücklich und erklärte ihm, dass ich an einem Artikel über das Zigarrenrauchen in Dublin arbeitete. „In Dublin über das Rauchen zu schreiben, ist bestimmt wie die Stalltür zu schließen, nachdem das Pferd entwischt ist“, erwiderte darauf der Dubliner. „Der traurigste Tag in der Geschichte der Raucher Irlands war der 29. März 2004, an dem Irland weltweit als erstes Land ein allgemeines Rauchverbot einführte“. „Jedenfalls scheint dies niemand davon abzuhalten, sich trotzdem eine anzurauchen“, antwortete ich und zeigte dabei auf den nicht abreißenden Strom passionierter Raucher, die durch die Hintertür den Raucherbereich des Pubs, einen schmalen, spärlich überdachten Durchgang mit ein paar Aschenbechern, ansteuerten. „Oder sehen sie nur nach, ob es zu regnen aufgehört hat?“ „Entgegen der landläufigen Meinung regnet es in Dublin weniger als im Westen Irlands, wo doppelt so viel Niederschlag fällt“, klärte mich der Dubliner auf. Tatsächlich gibt es in Dublin durchschnittlich weniger Regentage als in London. Wenn man also seine Lieblingszigarre al fresco schmauchen möchte, bietet Irlands Hauptstadt dazu immer noch genügend Möglichkeiten. „In einem Pub, Restaurant, Klub oder in einer Hotelbar zu rauchen, kann man allerdings vergessen. Die einzigen Räumlichkeiten, in denen man, außer in seinen eigenen vier Wänden, in Dublin bzw. ganz Irland noch rauchen kann, sind Zimmer in Hotels und Gästehäusern – vorausgesetzt die Besitzer haben diese für ihre Leid geprüften Gäste als „raucherfreundlich“ gekennzeichnet.“ „Falls einen das Verlangen nach einem Smoke verrückt macht, kann man sich in einer psychiatrischen Klinik Dublins eine Zigarre anrauchen. Oder man „betet darum“ und bekommt Einlass in einem Ordenshaus, wo man einen „Holy Smoke“ zelebrieren kann. Und müsste man als Folge überstrapazierter Geduld doch gegen einen selbstgefälligen Nichtraucher, der einen vom Übel des Nikotin überzeugen will, ausholen, so könnte man sich dem Tabakgenuss immer noch in einem irischen Gefängnis (allerdings nicht in den Strafanstalten der „Garda“, Irlands nationaler Polizei) hingeben, da dieser dort noch immer inoffizielle Währung ist.“ Trotz weit verbreiteter Kritik am Anti-Raucher-Gesetz, das die fürsorgliche irische Regierung erließ und das von vielen als drakonisch empfunden wurde, ergab eine Umfrage des unabhängigen Consulting-Unternehmens Amarach ein paar Monate nach Einführung des Rauchverbots, dass 89 Prozent der Befragten die Maßnahme als vollen Erfolg bewerteten und 97 Prozent das Gesetz befolgten. Das ist nicht wirklich erstaunlich, da es den meisten wahrscheinlich nicht im Traum einfallen würde, sich in einem öffentlichen Gebäude Irlands eine anzurauchen, wenn einem dafür eine 3.000 Euro-Strafe oder dreimonatige Gefängnisstrafe blühen könnte. Einen Monat nach Einführung des Anti-Raucher-Gesetzes veröffentlichte Irlands Department of Health and Children, dass sich 24 Prozent der Bevölkerung als Raucher deklarierten, verglichen mit noch 27 Prozent im Jahr 2002. Dennoch dürfte die tatsächliche Zahl der Raucher nicht stark zurück gegangen sein, was teilweise mit dem unglaublich starken Zustrom von Einwanderern, von denen viele rauchen, zusammen hängt. Das erklärt vielleicht auch, warum seit 2005 keine revidierten Zahlen veröffentlicht worden sind. Der Statistische Bericht 2005 von Irlands „Revenue Commission“ verzeichnet einen eindeutigen Rückgang bei Einnahmen aus Verbrauchersteuern aus dem Zigarrenverkauf, nämlich von 56.090 Euro 2004 auf 48.671 Euro 2005. Und einigen Berichten zufolge liegt der Umsatz an Premiumzigarren in Dublin seitdem wieder auf dem Niveau wie vor dem Rauchverbot. Jedenfalls wurden diese Zahlen von der irischen Regierung weder bestätigt noch dementiert. Fest steht jedenfalls, dass es in Dublin mehr als 700 Pubs gibt, und es heißt, dass kein Weg durch die Stadt an einem Pub vorbei führt. Befolgt man den Rat der Dubliner, sollte man keinesfalls nur daran vorbei gehen. Alle Pubs, die ich in Dublin besuchte, waren voller Nichtraucher. Und dann waren da noch ganze Trauben gut gelaunter Raucher, die vor den Pubs, Bars und Nachtklubs der Stadt, besonders spät nachts, rauchten und flirteten. Am besten eignen sich dazu scheinbar Haustore mit breitem Mauervorsprung, wo man sich, windgeschützt, in Ruhe eine anrauchen kann. Oder man schaut im Bloom’s Hotel im Temple Bar-Viertel am Südufer des Liffey vorbei. Das Bloom’s hat einen separaten Outdoor-Raucherbereich mit einem Fenster, durch das man die rauchenden Gäste wie Tiere im Zoo beobachten kann. Dort erzählte mir auch ein Zigarrenfreund, dass er am Wochenende davor, irgendwo im tiefsten Killarney, ein illegales Pub, ein so genanntes Shebeen besucht hatte, wo die Gäste sogar noch in den frühen Morgenstunden zum Rauchen ins Freie gingen, um ja keine Strafe zu riskieren. „Was hat das für einen Sinn“, fragte ich, „wenn man doch genauso gut für illegales Trinken verhaftet werden könnte.“ Ein anderer Anhänger des Fine Smoke erzählte mir von Pubs, den „smoke easies“, wo man hinter versperrten Türen noch in Ruhe dem Tabakgenuss frönen kann. Solche Pubs – viele sind seit 2004 übrigens in beängstigender Geschwindigkeit von der Bildfläche verschwunden – findet man immer häufiger in Dublin und auch auf dem Land. Das liegt vor allem auch daran, dass die „Garda“ vor kurzem Atemtests eingeführt hat. „Was macht man, wenn plötzlich die „Tabak-Polizei“ im Pub steht und die Luft inspiziert?“, wollte ich wissen. Mein Zigarrenfreund aus Dublin schaute mich verschmitzt an und antwortete: „Der Barmann sagt dann gewöhnlich so etwas Ähnliches wie: Das war bestimmt ein Mann mit einer großen Zigarre, dem ich gerade gesagt habe, dass er das Pub verlassen soll.“ „Ich habe in Dublin kein Problem, einen Ort zu finden, wo ich meine Zigarren genießen kann. In den meisten irischen Restaurants ist rauchen zwar verboten, aber Restaurants mit ausländischer Küche, vor allem Chinesische und Indische, drücken oft ein Auge zu, wenn ihre Gäste Zigarren rauchen, besonders, wenn es schon spät ist und alle nicht rauchenden Besucher schon nach Hause gegangen sind.“ Es gibt jedenfalls eine sehr großes Angebot an exquisiten Zigarren, die man in den vier Tabak-Fachgeschäften in Dublin kaufen kann. Das älteste ist JJ Fox in der Grafton Street Nr. 119, das am 12. Dezember 1881 von James John Fox gegründet wurde. Als er 1916 starb, galt James J Fox als der bedeutendste Tabakladen Irlands. Im Dezember 2006 feierte das Geschäft sein 125-jähriges Bestehen. Und es sieht ganz so aus, als ob es sich, trotz Rauchverbotes, noch ein paar weiterer Jahre erfreuen dürfte. „Der Umsatz von Premiumzigarren in Irland ging nicht so stark zurück wie jener der qualitativ minderwertigeren, maschinell erzeugten Cheerots und Minizigarren“, sagt David McGrane, Geschäftsführer von JJ Fox, der auch bestätigte, dass so ziemlich alle, die in Irland Rang und Namen haben, zu den Kunden des Geschäftes zählen und zählten. „Es betraf eher die billigeren Zigarren, die man im Pub rauchte. Der Verkauf von Premiumzigarren stieg sogar, besonders der von Havannas. Es ist nur schade, dass weder unser Personal noch unsere Kunden Zigarren im Geschäft ausprobieren dürfen. Aber die Leute kommen zu uns wegen unserer Expertise und der Qualität unserer Produkte.“ Ein paar Häuser weiter befindet sich Peterson of Dublin, das vor 95 Jahren sein Türen öffnete. „Der Verkauf von Premiumzigarren ging im ersten Jahr nach Einführung des Rauchverbots leicht zurück und erholte sich dann wieder“, erklärt Manager John Dromgoole. „Wir verkaufen jetzt viel mehr als vor dem Rauchverbot. Ich schätze, dass wir im Vergleich zum Vorjahr unseren Umsatz um 20 Prozent steigern konnten. Letztes Jahr verzeichneten wir ein Plus von 10 Prozent verglichen mit 2004. Der Grund, warum die Verkaufszahlen so rapide anstiegen, liegt darin, dass die Leute jetzt lieber in Tabak-Fachgeschäften einkaufen, weil diese am besten über Zigarren Bescheid wissen. Niemand wird Zigarren in einer Nichtraucher-Bar oder einem Nichtraucher-Restaurant kaufen, wo man sich nicht hinsetzen und die guten Stücke genießen kann. Wenn man schon gezwungen ist, zu Hause zu rauchen, sollte man gleich zum Besten greifen.“ Guy Hancock gründete den Zigarren-Großhandel und -Vertrieb Decent Cigar 1992 und verwandelte damit sein Hobby und seine Leidenschaft für Zigarren aus Teenager-Tagen in ein erfolgreiches Unternehmen. „Im Lauf der Jahre haben wir eine Sammlung an Havannas aus der Zeit vor dem Embargo und anderer Raritäten, wie etwa kubanischer Davidoff-Zigarren, angelegt“, sagt Hancock, dessen Decent Cigar 'Emporium'-Shop schon seit elf Jahren das einzige Geschäft Irlands ist, das ausschließlich Premiumzigarren verkauft. „Für uns zählt die Reinheit des Produktes. Deshalb verkaufen wir keine maschinell hergestellten Shortfiller-Zigarren, Zigaretten oder Rolltabak. Wir führen ausschließlich traditionell händisch erzeugte Longfiller-Zigarren und alle derzeit erhältlichen Havannas sowie viele nicht-kubanische Premiumzigarren.“ Für Hancocks Kunden bietet die kolonialen Eleganz des Emporium eine Oase der Ruhe. Sein Kunden können in der Shop-Bibliothek in Zigarrenbüchern schmökern und ein Glas Wein oder eine Tasse kubanischen Kaffee genießen. “Der Zigarrenverkauf hat sich in den letzten zwei Jahren für uns sehr gut entwickelt. Allein im Vorjahr stiegen die Verkaufszahlen um ganze 12 Prozent”, erklärt Hancock. „Und ein Hinweis für meine englischen Tabakfachhändler-Kollegen: Die Einführung des Rauchverbotes wird dem Weihnachtsgeschäft ein riesiges Verkaufsplus an Humidoren bescheren. Die Zeiten, in denen die Frauen ihre Männer noch am Sonntag ins Pub schickten, wenn diese eine rauchen wollten, sind endgültig vorbei. Jetzt werden sie wohl ein Zimmer zu Hause zur Verfügung stellen müssen.” Für den Fall, dass ihnen die nicht rauchende bessere Hälfte den Tabakgenuss doch verweigert, finden Aficionados in der Casa del Habano der Floridita Bar in der Abbey Street Zuflucht. Dort ist Eavan Finnucane seit Eröffnung der Casa im Dezember 2006 Manager. „Bevor ich hier anfing, rauchte ich nicht. Jetzt schon“, erklärt er. „Wir haben eine überdachte, beheizte Klub-Terrasse mit Sitzgelegenheiten. Wenn man bei uns Zigarren kauft, kann man sie auch gleich bei uns rauchen.“
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