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Eine Welt voller Fragen

Text: Marc Andre / Fotos: Marc Andre

Seit Erscheinen dieser Rubrik haben uns viele Fragen von Lesern erreicht. In dieser und in der nächsten Ausgabe möchten wir die wichtigsten Problemkreise publizieren und auf diese Weise allen zugänglich machen.

Soll man einen Humidor regelmässig lüften?
Die Empfehlung, einen Humidor regelmäßig zu lüften, findet sich in nahezu jedem Zigarrenbuch, Internetforum oder auch in Humidor-Anleitungen. Da liest man doch tatsächlich Begründungen wie: „Zigarren geben Gase an die Umgebungsluft ab, die … durch Lüften des Humidors abgeführt werden müssen. Nur wenn der Humidor regelmäßig gelüftet wird … entsteht kein Muffgeruch im Humidor“. Mit Verlaub, das ist Unsinn. Das Aroma des Tabaks gehört in die Zigarre und nicht ins Wohnzimmer. Je häufiger eine Zigarre frischer Luft ausgesetzt ist, desto stärker ist der Bouquetverlust. Jeder Zigarrenraucher wird bestätigen können, dass mit der Zeit die Zigarre an „Nase“, also an riechbaren Aromen, verlustig wird. Vor allem dann, wenn die Zigarren einzeln im Humidor und nicht in der Kiste gelagert werden, ist dieser Effekt nachzuvollziehen. Schauen wir uns zunächst die angeführten Argumente an.

1. Die Zigarre benötigt zur Reifung Sauerstoff
Das ist an sich korrekt. Würde man eine Zigarre vakuumiert lagern, so würde sie extrem langsam reifen und völlig andere Aromen ausbilden. Das habe ich selbst mehrfach experimentell verifiziert. Daraus den Schluss zu ziehen, man müsse den Humidor regelmäßig zwecks Frischluftzufuhr öffnen, ist jedoch falsch. Selbst in einem voll gefüllten Humidor ist genügend Restluft enthalten, damit sich das Aroma des Tabaks positiv entwickelt und nicht die Gefahr der Entstehung von Bitterstoffen oder im Extremfall von Faulgeruch (wie bei vakuumierter Lagerung) besteht. Dazu ein einfaches Experiment: Man nehme einen sehr dicht schließenden Humidor, fülle ihn mit Zigarren und lasse ihn für drei Monate geschlossen. Misst man während dieser Zeit den Sauerstoffgehalt der Luft im Humidor, so stellt man fest, dass sich dieser so gut wie überhaupt nicht senkt. Es ist korrekt – die Zigarre benötigt zur Aromenausbildung Sauerstoff, aber sie verbraucht ihn nicht in der Form, wie eine Pflanze Kohlendioxid verbraucht. Die Zigarre „atmet“ also den Sauerstoff nicht ein, vielmehr gibt die Zigarre Ammoniakverbindungen an die Luft im Humidor ab (das sind die beschriebenen Gase), was die Ursache für den Stallgeruch ist. Bleibt der Humidor lange Zeit geschlossen, so ist die Luft im Humidor nahezu gesättigt mit den ausgedünsteten Aromenverbindungen, und diese Ausdünstungen reduzieren sich (bleiben in der Zigarre). Das wird landläufig als „reduktive“ Lagerung (im Vergleich zur oxidativen Lagerung beim regelmäßigen Lüften) bezeichnet. Wobei der Begriff einer Reduktion rein chemisch gesehen Unsinn ist, weil im chemischen Sinne keine Reduktion stattfindet. Es wird lediglich das Abdampfen der aromenwirksamen Komponenten des Tabaks reduziert. Aber genau das ist es ja, was wir wollen. Die Zigarre soll möglichst lang nach Tabak duften und eine ausgeprägte Nase aufweisen statt im Bouquet immer flacher zu werden.

2. Verhinderung des Muffgeruchs durch regelmässiges Lüften
Im Humidor soll es leicht „stallig“ riechen. Das ist bedingt durch die Ausgasung der Ammoniakverbindungen und vollkommen normal. Muffgeruch ist etwas ganz anderes. Riecht es im Humidor nach feuchtem Keller oder nassem Hund, dann gibt es dafür zwei Hauptursachen: Entweder zu hohe Luftfeuchte über längere Zeit und möglicherweise Schimmelbildung (nicht mit der Zigarrenblüte zu verwechseln), oder falsches Material im Humidor (z. B. rohe MDF oder Hartfaserflächen bei Tabletts oder bei Lagerböcken für die Bodenbretter bei Humidorschränken).
Die Zigarren selbst werden bei korrekter Lagerung niemals Muffgeruch entwickeln. Der Grund für die Lüftungsempfehlung des Humidors liegt meines Erachtens in zwei Punkten: A) Das Unvermögen passiver Befeuchtungssysteme über längere Zeit eine konstante und nicht zu hohe Luftfeuchte zu erzeugen. B) Die Verwendung ungeeigneter Materialien beim Humidorbau. Durch das regelmäßige Lüften kann unter diesen Umständen zwar der Muffgeruch verhindert werden, weil die zu hohe Luftfeuchte reduziert wird und der Muffgeruch, bedingt durch die falschen Materialien, aus dem Humidor entweichen kann, aber eben zum Preis des Aromenverlustes der Zigarre.
Fazit und Empfehlung: Ein intelligent gebauter Humidor mit einer präzisen Befeuchtung bedarf keiner weiteren Lüftung (die ja beim normalen Öffnen des Humidors sowieso geschieht). Lagern Sie nach Möglichkeit Zigarren in der Kiste und legen Sie die Kiste in den Humidor – das ist das Beste, was Sie für die Zigarre tun können. Sie wird ihr Bouquet über viele Jahre erhalten und sich perfekt entwickeln. Sofern in Ihrem Humidor ein Tablett eingesetzt ist, schauen Sie sich die Innenkanten der Luftlöcher im Tablettboden an. Wenn diese nicht aus einem wasserfesten Sperrholz oder aus Massivholz bestehen, sondern eine homogene, hellbraune Fläche aufweisen (MDF), dann entfernen Sie das Tablett aus dem Humidor und der Muffgeruch wird ganz erheblich reduziert.

Wo sollte im Humidor das Befeuchtungssystem platziert werden?
Die Empfehlung leitet sich aus der einfachen Physik ab: Feuchte Luft ist leichter als trockene und steigt nach oben. Grundsätzlich ist die relative Luftfeuchte in direkter Umgebung des Befeuchtungssystems höher als im Rest des Humidors, da ja am Befeuchtungssystem das Wasser verdunstet. Folglich sollte der Abstand der Zigarren zum Befeuchter möglichst groß sein. Folgende Empfehlungen, die sich aufgliedern nach der Humidorgröße Tablett ja/nein) und der Art der Befeuchtung:


Humidor ohne Tablett
Hier kann der Befeuchter problemlos im Deckel des Humidors platziert werden. Verwendet man einen aktiven (elektronisch geregelten) Befeuchter, so sollte dieser ein Gebläse aufweisen, so dass die Luft nach unten in den Humidor geblasen wird und die relative Luftfeuchte im angesaugten Luftstrom des Befeuchters gemessen wird. Liegen viele Zigarren im Humidor, so sollte man ein Zedernholzfurnier auf die Zigarren legen, damit die aus dem Befeuchter ausdünstende Luftfeuchte nicht direkt auf die Zigarren trifft.

Humidor mit Tablett
Das Problem der meisten Humidore mit Tablett besteht in dessen Fehlkonstruktion. Wenn auf dem Tablett Zigarren liegen und damit die wenigen Luftlöcher im Tablettboden verdeckt werden, wie soll dann die befeuchtete Luft von oben nach unten kommen (oder umgekehrt)? Daher die Empfehlung: Bei einem „dumm gebauten“ Tablett zwei Befeuchter einsetzen (einer im Deckel, einer im unteren Humidorbereich). Bei zwei getrennten Tabletts mit genügend Raum dazwischen oder aber einem intelligent konstruierten Tablett mit ausreichend Luftzirkulationsmöglichkeit gehört der Befeuchter in den unteren Humidorbereich, um eine gleichmäßige Befeuchtung zu erhalten.

Was ist bei Schimmelbefall zu tun?
Stellen Sie zunächst sicher, dass es sich wirklich um Schimmel und nicht um die Zigarrenblüte handelt (siehe ECJ 1/2010). Handelt es sich tatsächlich um Schimmel, dann gehören die Zigarren entsorgt – aber nicht in den Mülleimer! Lesen Sie weiter:

Schimmel im Humidor
Um Schimmel von der Holzoberfläche des Humidors zu entfernen, gibt es verschiedene Lösungen. Neben diversen chemischen Keulen (die sich alle nicht für die Anwendung im Humidor eignen (siehe ECJ 1/2010) gibt es eine praktikable, wenn auch zeitaufwändige Empfehlung. Humidor entleeren und mit Wodka oder Doppelkorn ausreiben (das tötet den Schimmel NICHT ab, aber es ist eine wirksame Reinigung der Oberfläche. Dann föhnen Sie den Humidor mit dem Haarföhn gute 30 Minuten aus. Achten Sie darauf, alle Stellen des Humidors gut zu erwärmen (über 50 °C – das tötet Schimmel nachhaltig ab). Man kann auch den Humidor bei halb geöffneter Türe in den Backofen bei 50 °C stellen, allerdings müssen Sie sehr aufpassen, dass der Lack nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Ist das Holz des Humidors feucht, so bewirkt die höhere Temperatur eine verstärkte Verdampfung des im Holz gespeicherten Wassers und das kann zur Ablösung des La-ckes führen. Schleifen Sie den Humidor innen komplett mit 120er- Schleifpapier gründlich aus. Saugen Sie den Schleifstaub mit dem Staubsauger aus allen Holzritzen. Reiben Sie den Humidor nochmals mit Alkohol aus und lassen Sie ihn komplett verdunsten (eine Stunde offen stehen lassen). Mehr können Sie für Ihren Humidor nicht tun. In ganz extremen Fällen (und nur dann, wenn der Humidor sehr hochwertig ist) müsste man nach dieser Prozedur den Humidor innen mit einem 2K-Klarlack lackieren und ein neues Innenleben einsetzen. Das ist dann die 100%-Lösung.
Und nun noch ein Schwank aus meiner Zigarrenerfahrung, die mich hinsichtlich Schimmelbefall sehr verdutzt hat. Ein Kunde gab mir vor etwa zwei Jahren eine Kiste Seleccion Piramides (Cuba) mit Boxingdate Feb. 2007. Aufgrund extremer Überfeuchtung in seinem Humidor sind diese Zigarren tatsächlich verschimmelt. Das hat ein Abstrich des Flaumes bestätigt, der Geruch war ebenfalls eindeutig. Um diesen Schimmel für weitere Experimente zu züchten habe ich die gesamte Kiste mit den schimmeligen Zigarren offen in meinen feuchtkalten Weinkeller gestellt. Dort blieben sie für mehr als ein Jahr. Nach drei Wochen Urlaub habe ich im September 2010 die Zigarren begutachtet in der Hoffnung, schöne Schimmelkulturen gezüchtet zu haben.
Es ist nicht zu glauben, aber man sieht rein gar nichts mehr von irgendwelchem Schimmelbefall, obwohl ich den Schimmel nicht entfernt habe.  Vergleichen Sie die Textur der Deckblätter – es sind wirklich die identischen Zigarren. Zwar haben sie durch die offene Lagerung extrem an Bouquet verloren und riechen nun nach feuchtem Keller, aber vom Schimmel fehlt jede Spur. Selbst ein Abstrich vom Deckblatt lässt keine Rückschlüsse auf Schimmel zu. Was machen wir nun mit einem solchen Ergebnis? Zum heutigen Zeitpunkt weiß ich es noch nicht. Darum ergeht hier die ernst gemeinte Bitte an alle Zigarrenraucher: Wenn Sie verschimmelte Zigarren haben, schicken Sie mir diese bitte zu. Ich möchte dieses Phänomen gerne genauer analysieren und benötige dafür verschimmelte Zigarren. Verpacken Sie die Zigarre(n) dazu am bes-ten in einen Alutubo und senden Sie diesen an: DER HUMIDOR, Marc André, Drostestraße 9, 70499 Stuttgart, Germany.

Vermischen sich die Aromen unterschiedlicher Zigarren bei Einzellagerung im Humidor?
Mittlerweile gibt es ja die wildesten Humidorkonstruktionen, die durch entsprechend separate Abteile eine sortenreine Lagerung der Zigarren ermöglichen sollen, um so einer Vermischung der Aromen von Zigarren unterschiedlicher Provenienzen vorzubeugen. Meiner Meinung nach ist das etwas übertrieben. So lange nicht gerade aromatisierte Zigarren im Humidor gelagert werden (was tunlichst zu vermeiden ist), bin zumindest ich nicht in der Lage, am Geruch der Zigarre herauszufinden, ob eine honduranische neben einer kubanischen oder dominikanischen Zigarre gelagert wurde. Vielleicht vermag ein echter Sommelier einen Nuancenunterschied festzustellen, ich kann es nicht. Und selbst wenn ein Aromentransfer zwischen den Zigarren stattfinden sollte, so ist dies ohne erkennbare Auswirkung auf den Geschmack, da die Aromen beim Abbrand des Tabaks weit intensiver sind als die mit der Nase wahrnehmbaren Aromen der kalten Zigarre. Fazit: Einer gemischten Lagerung von Zigarren unterschiedlicher Provenienzen im Humidor spricht nichts entgegen. Aromatisierte Zigarren sollten in jedem Fall getrennt (in einem separaten Humidor) von den Puros aufbewahrt werden.

 
   
 





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