
Massgefertigte Zigarren
Text: Colin C. Ganley / Fotos: Colin C. Ganley
Sammler sind heutzutage auf der Suche nach immer selteneren Zigarren. Jene, die von ausgewählten Rollern quasi maßfertigt werden, gelten in manchen Kreisen als besonders begehrt. Sie zu sammeln ist jedoch ein riskantes Unterfangen.
Ich wartete ein paar Jahre bevor ich beschloss, diese Kolumne zu schreiben. Nun erachte ich es als notwendig. Ich zögerte aus Sorge um einige der Beteiligten. In Kuba ist es illegal, wenn einzelne Personen Tabak erwerben, rollen und diese Zigarren an Touristen verkaufen. Bisher schrieb ich nicht darüber, um niemanden, der darin verwickelt ist, zu belasten. Dieser Artikel wird die Identität jener, die so etwas Illegales in Kuba tun, nicht preisgeben, das Thema jedoch von einer gewissen Dis-tanz beleuchten.
Was sind nach mass gerollte Zigarren? Genaugenommen werden maßgefertigte Zigarren nach den Wünschen des Kunden angefertigt. So etwas gibt es zu einem gewissen Grad in allen Zigarren produzierenden Ländern. Ich werde aber nicht nur auf diese speziellen Zigarren eingehen, sondern auch auf die kleinen Produktionsmengen, die auf dem Land sowie in Tabakgeschäften in ganz Kuba hergestellt werden. Beginnen wir zunächst einmal mit den am einfachsten erhältlichen Zigarren: In allen La Casa del Habano- (LCDH-) Geschäften ist stets ein Zigarren-Roller präsent. Diese Roller erhalten Tabak von der staatlichen Tabakmonopol-Gesellschaft. Während der Geschäftszeiten geben sie Besuchern eine Vorführung des Zigarren-Rollens, und diese Zigarren werden danach im Geschäft verkauft, gewöhnlich für etwa 5 CUC pro Stück. Als die Roller ihre Präsentationen in den LCDH-Geschäften begannen, verschenkten sie die vor Ort gerollten Zigarren. Das war die Idee hinter diesem Projekt. Die frisch gerollten Zigarren erfreuten sich zunehmender Beliebtheit, und Kunden äußerten den Wunsch nach ganzen Bündeln von speziell für sie gefertigten Zigarren. Damit begann der Verkauf solcher Zigarren. Die Namen einiger Roller werden Ihnen vielleicht bekannt vorkommen. Im Hotel Melia Havana gibt es eine herrliche Rollerin namens Yolanda, bekannt als Expertin für komplizierte Vitolas. Ihre populärs-te Zigarre ist die Salomon. Im Hotel Conde Villanueva in Alt-Havanna sitzt ein weiterer bekannter Roller namens Reinaldo. Seine Spezialität sind Zigarren, die größer als die üblichen Formate sind. In Fabriken angesiedelte Geschäfte machen ebenfalls bei diesem Projekt mit. Zwei besonders gefragte Roller sind La China bei Partagás und Hamlet bei Romeo y Julieta, beide dafür bekannt, dass sie existierende Blends modifizieren und daraus – je nach Wunsch der Raucher – stärkere oder leichtere Zigarren kreieren. Beim Club Havana sieht die Sache anders aus. Hier handelt es sich um eine eigenständige LCDH innerhalb des Strandclubs. Geschäftsmanager ist der berühmte „Mann des Tabaks“ Enrique Mons, ein Meister seines Fachs, der den Roller des Geschäfts gelehrt hat, Zigarren eines einzigartigen Formats zu schaffen, die er selbst am liebsten raucht. Diese sind inzwischen unter dem Namen Mondsdale bekannt und ein herrlicher Rauchgenuss.
Vorsicht! Die oben beschriebene Vorgangsweise dürfte im Rahmen des LCDH Roller-Projekts erlaubt sein, und abgesehen von den erwähnten Rollern gibt es noch viele andere. Obwohl all dies relativ aufrichtig klingt, sollten Kunden vorsichtig sein, wenn sie einen Roller oder einen Händler nach einem Bündel individuell angefertigter Zigarren fragen, denn die Möglichkeit besteht, dass sie nicht das bekommen, was sie erwartet haben. Die einfache Wahrheit ist, dass die Roller der Nachfrage nicht nachkommen können. Deshalb werden viele Zigarren als Produkt eines bestimmten Rollers an Enthusiasten verkauft, während sie tatsächlich in Chinchales hergestellt wurden.
Chinchales und Tabak Ein Chinchale ist eine kleine Fabrik, gewöhnlich in einem Privathaus, in der illegal Zigarren zum Verkauf produziert werden. Um Tabak dafür zu beziehen, werden Taktiken jenseits der legalen Produktionskette von Premiumzigarren angewandt. Im schlimmsten Fall handelt es sich bei den Blättern, aus denen die Zigarren gerollt werden, gar nicht um Tabakblätter. Weniger schlimm, aber dafür häufiger kommt es vor, dass Chinchales jeden x-beliebigen Tabak aus ebenso x-beliebigen Quellen verwenden. Dieser nicht nachvollziehbare Erwerb von Tabak macht die Geschmackskontrolle der Zigarren extrem schwierig. Chinchales verwenden Tabak, der nicht komplett fermentiert ist, auf Plantagen fermentiert oder gestohlen wurde. Der Kauf dieser Zigarren ist illegal und kann für Touristen schwerwiegende Folgen haben. Es werden zwar nicht viele dabei erwischt, aber trotzdem verstoßen diese Produktionen gegen die Regel, ganz gleich wie gut die Fähigkeiten der Zigarren-Roller sein mögen.
Farmies Farmies ist der Spitzname für jene Zigarren, die in Tabakregionen gekauft werden. Bauern legen traditionellerweise geringe Mengen ihrer Produktionen zur Seite, um diese selbst in Form von kleinen, rauen Zigarrennamens Fumas zu rauchen. Früher war es möglich, Bauern zu besuchen, mit ihnen zu plaudern und dabei eine ihrer Fumas zu rauchen, um einen besseren Eindruck von Geschmack und Qualität des Tabaks, den sie ziehen, zu bekommen. Leider ist das längst Vergangenheit. Die meisten „am Land“ gekauften Zigarren stammen aus Chinchales.
Was tun? Ist es heutzutage möglich, eine spezielle Zigarre von einem Roller oder einer Plantage zu kaufen? Die Antwort lautet „Ja“. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein beliebiger Tourist solche Zigarren erwerben kann, ist leider gering, denn die Scharen zurückkehrender Touristen, die bereits die Bauern und Roller kennen, haben diese vermutlich schon aufgekauft. Wer eine Zigarre probieren mag, die nicht aus einem Chinchale stammt, sollte am besten Zeit mit dem Erzeuger der Zigarre verbringen. Ist dies der Roller, dann sollte man ihm bei der Arbeit zusehen, mit ihm über seine Fähigkeiten plaudern und ihm danach anbieten, die Zigarre, die er soeben gerollt hat, zu kaufen. Auf den Plantagen ist dies kaum möglich, denn selbst wenn man einem Roller zusehen kann, weiß man nicht, woher der Tabak kommt. Für ein einzigartiges Raucherlebnis würde ich empfehlen, Zeit mit einem Roller in einer LCDH zu verbringen bzw. eine Monsdale mit Enrique Mons zu rauchen.
Auf Tour Zigarren-Roller gehen auf Tour, um ihre Fähigkeiten in Tabakgeschäften in aller Welt zu präsentieren, und erhalten zuvor ausgewählten Tabak, der ein sehr angenehmer Rauchgenuss ist. Diese Zigarren haben nichts mit Chinchales zu tun, und es ist ein schönes Erlebnis, einem kubanischen Roller in seinem lokalen Tabakgeschäft zuzusehen. Heute sind immer mehr Roller aus Nicaragua, Honduras und der Dominikanischen Republik auf Tour und haben authentischen Tabak mit im Gepäck. Oft handelt es sich um die besten Roller der jeweiligen Fabrik, und ich kann ihre Zigarren nur wärmstens empfehlen!
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