
Zigarren im Untergrund
Text: Colin C. Ganley / Fotos: Florian Rainer
Letzte Woche war ich Gast bei einer illegalen Zusammenkunft. Ob dort irgendetwas Ruchloses über die Bühne ging? Mitnichten! Einige Zigarrenliebhaber wollten bloß gemeinsam speisen und danach paffen – und zwar drinnen!
In unserem Magazin haben wir über die Welle an Rauchverboten und Zigarrensteuern, die im letzten Jahrzehnt die Welt überflutet hat, ausführlich berichtet. So wichtig die Berichterstattung ist, so deprimierend ist sie auch. Meine gewählten Volksvertreter haben mein Hobby teils illegal erklärt und es kostspieliger gemacht – und das gleich zwei Mal. Zuerst in Großbritannien und danach in meiner kleinen Ecke in den Vereinigten Staaten. Ich erinnere mich zurück, wie ich früher mit Freunden im Spitzenlokal mit exquisitem Wein und einer Zigarre als Krönung gefeiert habe. Das war anständig, unterhaltsam und völlig akzeptiert. Heutzutage erlaubt kaum ein Lokal solch rechtswidriges Verhalten. Also gehen die Zigarrenrunden in den Untergrund.
Illegale Lokale Überall, wo strenge Rauverbote herrschen, wird auch gepafft. Man findet solche Lokalitäten meist abgelegen vom Hauptverkehr und baulich so gestaltet, dass man von außen nicht in die Gaststube sieht. Ich bin bereit, das Gesetz zu missachten und eine Zigarre zu rauchen. Manche Enthusiasten sind so, andere nicht – eine persönliche Entscheidung, die eventuell bestraft wird. Ein Problem, das sich uns Gesetzesbrechern jedoch stellt ist, die „richtigen“ Gaststätten ausfindig zu machen. Wo sind sie? Gastronomen, die dieses Risiko eingehen, findet man schwer, schließlich stehen hohe Geldstrafen und sogar die Schließung auf dem Spiel. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass es überhaupt jemanden gibt, der das riskiert.
Wie man sie findet Aus naheliegenden Gründen posaunen es Gastgeber nicht hinaus, dass sie den illegalen Genuss dulden. Für mich war Mundpropaganda der einzige Weg, solche zu finden. Einmal empfahl mein Tabakfachhändler ein Restaurant; dies scheint der aussichtsreichste Weg zu sein. In einem anderen Fall lernte ich einen Lokalbesitzer in Havanna kennen. Wir rauchten gemeinsam, während er mir über seine Klientel erzählte. Um den Standort seines Lokals nicht preiszugeben, nenne ich keine Details. Aber ich kann seine Vorgehensweise verraten, denn die ist meiner Erfahrung nach überall ähnlich.
Das Ritual Üblicherweise wird das Restaurant als Nichtraucherlokal geführt. Der Besitzer bittet um Vorbestellung, um einen „Raucherabend“ einplanen zu können. Für diesen Abend akzeptiert er ausschließlich Reservierungen von bekannten Gästen – Leute, denen er vertraut und die kein Problem mit Zigarren haben. Er erlaubt auch nur Zigarren, keine Zigaretten. Er ersucht, die Gesellschaft so groß wie möglich zu organisieren, da er ja seine regulären Einnahmen verliert. All das scheint mir nur fair. Am Abend des Events ist der stets gutgelaunte Gastgeber besonders fröhlich – schließlich ist er eingefleischter Habanophiler. Sobald alle eingetroffen sind, verschließt er die Tür und erlaubt nur mehr vertrauensvollen Gästen den Eintritt. Die daraus resultierende Atmosphäre war echt familiär. Wir waren wie Brüder vereint in unserer Rebellion und gingen unserer Leidenschaft nach. Wenn der Wirt nicht gerade beschäftigt war, leistete er uns Gesellschaft und war stets an den Tischen willkommen. Wir dankten es mit der Bestellung erlesener Weine, um seine Mühe zu belohnen. Eine Nacht wie diese verleiht einem Zigarrendinner wirklich ein ganz besonderes Flair. Das Resultat war im Grunde ein „Speak Easy“, also eine illegale Bar. So wie die Prohibition im Amerika der 1930er-Jahre das mit Alkohol tat, verbietet uns die heutige Gesetzgebung den Konsum unseres heiß geliebten Produkts (an bestimmten Orten). Alkohol hatte zwar viel mehr ergebene Anhänger, aber auch leidenschaftliche Zigarrenraucher halten an ihrem Vorsatz fest, trotz widriger Gesetze weiterhin zu rauchen. Das Ergebnis ist dasselbe: Geschäftsbetrieb hinter verriegelten Türen aus Angst vor den Behörden.
Special Events In der Vergangenheit sponserten Spirituosen- und Weinhersteller Zigarrenabende gern mit hochwertigen Getränken. Sie würden das auch weiterhin tun, doch wer fördert schon einen illegalen Event? Die meisten werden sich nicht in solch gefährliche Gewässer vorwagen, und schon gar nicht jene der in Verruf geratenen Getränkeindustrie. Trotzdem sponserte ein französischer Spirituosenhersteller eine dieser heimlichen Veranstaltungen in London. Zur Freude aller Beteiligten wurden erstklassige Spirituosen zu speziell gerollten Habanos serviert. Die Veranstaltung trug den passenden Titel „A Prohibition Dinner“. Es war ein elektrisierender Abend. Das Restaurant auf einer der belebten Straßen Londons hat hohe Fenster mit Straßenblick – gehobene Klasse, beste Weine und Spirituosen. Tagsüber ist es natürlich ein Nichtraucherlokal. Ausstattung und Speisekarte waren an dem Zigarrenabend wie immer, aber irgendwie vermittelte der Ort ein komplett anderes Flair. Das Aroma von gehaltvollen Habanos füllte die Räumlichkeiten, und die Gäste rauchten ihre geschätzten Puros, als handle es sich um die besten, die sie je genossen haben. Keine Spur von britischen „Bobbys“, um die Veranstaltung aufzulösen, und das, obwohl die Tür geöffnet blieb. Der Eingang war zwar mit Vorhängen verdeckt, doch der Rauch wehte die ganze Nacht hindurch auf den Gehsteig hinaus.
Rund um die Welt Das britische Rauchverbot ist eines der strengsten der Welt. Rauchen ist mit Ausnahme von Tabakgeschäften an keinem Arbeitsplatz erlaubt. Selbst in Privatclubs sind Raucherzimmer nicht gestattet, obwohl sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. In Restaurants ist das Rauchen schon gar nicht erlaubt, und deshalb war diese Veranstaltung in London ganz eindeutig illegal. Enthusiasten haben Mittel und Wege gefunden, um eine gute Zigarre zu genießen – Gesetz hin oder her. So organisierte etwa eine Gruppe in Kanada, einem der striktesten Verbotsländer der Welt, ein Zigarrendinner. Ein kubanischer Teilnehmer fragte den Organisator: „Ist diese Veranstaltung denn nicht illegal? Wie kommt es, dass man im Lokal rauchen darf?” Daraufhin führte ihn dieser zu einem Tisch und stellte ihm einen Mann vor, der eine sehr große Zigarre in der Hand hielt. Es war der zuständige Polizeipräsident. Um sicher zu gehen, dass die Veranstaltung keine Verhaftungen, Strafen oder Geschäftsschließungen zur Folge hat, lud man den Polizeipräsidenten und acht seiner befreundeten Polizeibeamten ein. Das ist eine durchaus übliche Strategie, nicht zuletzt deshalb, weil viele Polizisten leidenschaftliche Zigarrenraucher zu sein scheinen.
Der Preis Doch wie sieht es mit den Konsequenzen aus? Wird im Zuge dieser illegalen Zigarrenevents in aller Welt auch jemand zur Rechenschaft gezogen? Die Antwort lautet „Ja“. Aber erstaunlicherweise finden die Behörden anscheinend nur wenig über diese Veranstaltungen heraus. In Großbritannien war Gerry Stonhills Individual Mason Arms das erste Restaurant, dem nach Inkrafttreten des Rauchverbots eine Geldstrafe auferlegt wurde – und mit über 1000 Pfund eine gewaltige! Die Gäste, die an diesem Tag im Restaurant waren, wurden nicht bestraft, aber Gerry sehr wohl. In den darauf folgenden zwei Wochen kamen die Gäste wiederholt ins Restaurant, hinterließen unglaublich viel Trinkgeld und bezahlten damit innerhalb von zwei Wochen die Strafe. Nichtsdestotrotz hat Gerry seine Lektion gelernt und missachtet das Gesetz seither nicht mehr. Das ist nur einer von wenigen Fällen. Man hört nicht wirklich viele Geschichten über Bars und Restaurants, die das Gesetz brechen – und dabei erwischt werden. Vielleicht liegt das daran, dass Rauchen in diesen Lokalen nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Ich kenne kein Restaurant, in dem Rauchen trotz des Verbots jeden Tag erlaubt ist.
Das Ziel Wohin führt all das? Und was ist der Zweck? Man kann wohl kaum behaupten, dass es sich bei illegalen Rauchveranstaltungen um eine revolutionäre Bewegung handelt, und wenn, dann nur um eine sehr kleine. Die weit verbreitete Missachtung des Alkoholverbots in den Vereinigten Staaten war teils dafür verantwortlich, das Gesetz zu Fall zu bringen. Wir Zigarrenraucher sind wegen unserer weitaus geringeren Anzahl weit entfernt davon, so einen Konsens zu erreichen. Bei der „Straftat“, feine Zigarren in einer Gruppe gleichgesinnter Erwachsener zu genießen, gibt es keine Opfer. Meiner Erfahrung nach verließen die Gäste diese Veranstaltungen immer alle recht glücklich und zufrieden. Gelingt es durch diese Aktivitäten vielleicht, diesen Punkt aufzeigen? Ist es möglich, dass die Gesetzgeber von diesen Veranstaltungen erfahren und sehen, dass solche Dinner gut fürs Geschäft sind und keine unwilligen Beteiligten involvieren? Können sie vielleicht akzeptieren, dass Geschäftsinhaber durchaus in der Lage sind, ihre eigenen Rauchregeln festzulegen? Aber das hieße vermutlich, von unseren Politikern zu viel zu verlangen. Der möglicherweise wichtigste Aspekt ist, dass Enthusias-ten, denen in den letzten Jahren ihre Privilegien und Rechte aberkannt wurden, jetzt handeln. Wir brechen wagemutig das Gesetz und gehen unserem Hobby nach. Jeder hat andere Gründe dafür, aber ich weiß, dass die Mehrheit von uns fühlt, dass es hier um eine Frage des Prinzips geht. Wir genießen nicht nur unsere Zigarren. Wir zeigen auch, dass wir damit nicht den Untergang der Gesellschaft verursachen. Und am wichtigsten ist: Wir lassen uns nicht aufhalten!
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