
Eine britische Dynastie
Text: Sebastian Zimmel / Fotos: Hunters & Frankau, Elizabeth Hartnoll, Sebsatian Zimmel
Großbritannien ist seit jeher ein Hort gehobener Genuss- und Rauchkultur. Speziell zu Kuba gibt es traditionell gute Kontakte. Mit Jemma Freeman, Managing Director des größten britischen Zigarrenimporteurs, Hunters & Frankau, steht eine junge Frau an der Spitze des Zigarrenbusiness im Vereinigten Königreich.
Jemma Freeman empfängt mich in ihrem modernen Büro im Hurlingham Business Park in der Sulivan Road in Londons Stadtteil Fulham. An dem freundlichen Backsteinbau prangt ein rundes Messingschild: „Hunters & Frankau – Established 1790 – Importers and Distributors of the Finest Cigars.“ In der Juli-Sonne flattert neben dem Union Jack die Flagge Kubas. „Es war die Entscheidung meines Vaters hierher zu übersiedeln“, erklärt sie. „Als die Zigarren noch per Schiff kamen, war es vielleicht von Vorteil, direkt an den Docks zu sein. Jetzt sind wir nicht allzu weit vom Flughafen und auch nicht vom Westend, wo viele unserer guten Kunden angesiedelt sind.“ Jemma Freeman lenkt das Unternehmen in sechster Generation: „Mein Vater, Nicholas Freeman, war eine charismatische Persönlichkeit. In aller Welt begegnete man ihm mit Respekt. Es war eine Freude, an seiner Seite zu sein. Er war ein großer Lehrmeister.“ Hunters & Frankau (H&F) ist der traditionsreichste Importeur von Havannas in Europa und war eine Zeit lang sogar Markeninhaber von H.Upmann sowie Eigentümer der gleichnamigen Fabrik in Havanna (1920–1935), bevor D.G. Freeman die Fabrik an Alonso Menéndez und Pepe Garcia, die Begründer der Marke Montecristo, verkaufte. Heute ist H&F Exklusivimporteur für Kuba-Zigarren in Großbritannien, genauso wie für Agio, Villiger, Santa Damiana und andere Weltmarken. Das Unternehmen beschäftigt im Schnitt 55 Personen, unter ihnen international bekannte Expertinnen wie die ehemalige Marketingleiterin von Habanos S.A., Ana López, jetzt Cuban Corporate Director im H&F-Vorstand neben Marketingleiter Simon Chase, Verkaufsdirektor John Darnton, Finanzchef Philip Hambidge und dem Vorsitzenden David Lewis. „Unsere Sales Force besteht aus drei Account Managern, einer für den Fachhandel, einer für Großkunden und einer für Weinhandel, Hotels und Catering“ gibt Jemma Freeman Einblick in die Unternehmensstruktur. „Seit dem totalen Rauchverbot in Großbritannien haben wir die Zusammenarbeit mit dem Getränkehandel besonders forciert. Eine Strategie, die sich bezahlt macht. Die Berater dieser Branche verfügen meist über ein gutes Training, sie verstehen viel von Geschmack und Aromen. Wer edle Spirituosen verkauft, kann auch gute Zigarren empfehlen. Wir arbeiten mit großen Firmengruppen wie Nicolas und Threshers ebenso zusammen wie mit kleineren, familiären Getränkehändlern.“
„Gentlemen, you may smoke“ Feiner Havanna-Duft durchzieht die Büros. Allerdings: Niemand scheint hier zu rauchen! Gilt auch bei Hunters & Frankau das strenge gesetzliche Rauchverbot am Arbeitsplatz, das seit etwas mehr als einem Jahr in Kraft ist? Jemma Freeman lächelt: „Unser beharrlicher Marketingdirektor Simon Chase hat einen Ausweg gefunden. Hunters & Frankau ist ja auch Detailhändler. Simon hat durchgesetzt, dass Fachhändler Warenproben abgeben dürfen, die im Geschäft geraucht werden dürfen, freilich unter strengen Auflagen – der Raum braucht ein eigenes Abluftsystem und die Tür muss selbstständig schließen. Unser Sitzungszimmer erfüllt diese Kriterien.“ Die Regel gilt für Tabakspezialisten, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Zigarren, Pfeifentabak und Snuff machen – zusammen 46 Shops in England und Nordirland. Insgesamt gibt es ca. 80 Topgeschäfte im Vereinigten Königreich. Ich wähle eine Hoyo de Monterrey Petit Robusto aus dem begehbaren Humidor und überlege, wie absurd es wäre, dürfte in Tabakinstitutionen wie J.J. Fox, wo einst Sir Winston Churchill seine Havannas bestellte, nicht (mehr) geraucht werden. Als Studentin an der Manchester University hat Jemma Freeman sowohl bei J.J. Fox in der St. James’s Street wie auch in der Harrod’s-Filiale als Ferialpraktikantin gejobbt. „Wir legen heute besonderes Augenmerk auf das Cateringbusiness“, erklärt Jemma, „natürlich sind wir bei großen Events wie etwa dem Pferderennen von Ascot dabei. Hier trifft der Genussraucher Gleichgesinnte, hier kann man gezielt neue Marken und Vitolas vorstellen.“ Hunters & Frankau hat Jahre und viel Geld in die Ausbildung von Sommeliers, Kellnern und Restaurantmanagern investiert. Es gehörte ja stets zum guten Ton eines britischen Restaurants, Zigarren aus dem Humidor aktiv anzubieten. Jetzt, wo dies indoor nicht mehr möglich ist, wird zusehends die Take-out-Zigarre die Alternative. Deshalb präsentiert sich das Unternehmen verstärkt bei Bar-Shows und einschlägigen Fachmessen. Jemma Freeman hat sich eine Por Larrañaga Petit Corona angezündet: „Wir erleben eine Umschichtung unserer Klientel. Wenn in Lokalen plötzlich nicht mehr geraucht werden darf, hat das natürlich Konsequenzen auf das Konsumverhalten. Auf der einen Seite fallen Stammkunden weg, andererseits nutzen viele neue Kunden die Möglichkeiten, die die neuen, so genannten Terrassen-Lounges bieten.“ Ein besonders erwähnenswertes Beispiel dafür ist das Lanesborough Hotel am Hyde Park Corner. Der Garden Room ist eine neu adaptierte, wahrhaft luxuriöse Lounge für verwöhnte Genussraucher. Die beiden Mitarbeiter sind bestens geschult, das Zigarrenangebot ist beeindruckend und reicht in die Prä-Castro-Ära zurück; kein Wunder, dass sich die Umsätze seit dem allgemeinen Rauchverbot vervielfacht haben.
Eine neue Rauchkultur entsteht Simon Chase gesellt sich zu unserem Gespräch. Unter Aficionados ist er (welt-)bekannt für seine souveräne Leitung der jährlichen Auktionen beim Festival del Habano. Er ergänzt: „Es ist hierzulande nicht außergewöhnlich, dass Kunden an einem Abend ein paar tausend Pfund an der Bar lassen. Dafür wollen sie allerdings ein Topangebot – Ediciones Limitadas, seltene, alte Havannas, einfach alles was das Herz begehrt.“ Begeistert berichtet er von einem Zigarren-Dinner am Vorabend im Caledonian Club im Stadtteil Belgravia. Gemeinsam mit Richard Paterson von Whyte & Mackay führte er durch einen Cigar & Malt Evening. Nach geräucherter Makrele, Lachs Paté und Tournedos vom Rind wurden Zigarren gereicht: Ramon Allones Small Club Corona, Cohiba Siglo III und Cuaba Generosos – alle aus dem Jahr 1997, dem Jahr als er seinen ersten Event im Caledonian organisierte. Als Referent ist Simon sehr gefragt … seit dem Rauchverbot mehr denn je. Der Koffer für den heutigen Abend in Birmingham ist schon gepackt. Simon gilt auch als lebendes Geschichtsbuch von Hunters & Frankau. Keiner kennt die Firmengeschichte wie er. Darum sind ihm die Memorabilia des Unternehmens so ans Herz gewachsen. Immer wieder schöpft er daraus Anregungen für Neuauflagen „vergessener“ Zigarren speziell für den britischen Markt. „Führende Hotel- und Gatronomiebetriebe in Großbritannien zeigen vor, dass das Rauchverbot auch neue Chancen bietet,“ freut sich Jemma Freeman über neue Trends im Business. Dazu gehören jedenfalls das Boisdale of Belgravia in London oder das Hotel du Vin in Turnbridge Wells in Kent, wo Genussrauchern attraktive Lounges gemäß den gesetzlichen Bestimmungen geboten werden. „Wir unterstützen diese Aktivitäten. Es hat natürlich einige Zeit gedauert, bis die Lokale realisierten, dass ihnen die Zigarrenraucher als Kunden abgehen. Jetzt wollen sie sie wiedergewinnen.“ H&F bietet Beratung und Service nicht nur für große, elegante Zigarren-Dinners, sondern auch für kleinere und zwanglose Events an. Den aktuellen Eventkalender können registrierte Mitglieder des Cigar Smokers Clubs kostenlos auf der Website www.cigars.co.uk abrufen. „So sehen Konsumenten, was es Neues gibt, und gleichzeitig werden jene Lokale, die Rauchmöglichkeiten im Freien eingerichtet haben, gewürdigt. Nach dem ersten Schrecken über das Rauchverbot feiert die Zigarre nun eine kleine Renaissance.“ Die extreme Besteuerung erschwert den Zigarrenhandel in Großbritannien. Die Tabaksteuer wird nach Gewicht berechnet, weshalb maschinengefertigte Zigarren hier praktisch keine Rolle spielen. Auch die gegenwärtige Wirtschaftsflaute ist deutlich spürbar. Jemma Freeman: „Wir haben glücklicherweise auch sehr preiswerte Produkte im Programm. Besonders die Marke Agio erfreut sich steigender Beliebtheit, und der Umsatz an Mini Cubanos wächst überdurchschnittlich. Da macht sich die Stärke kubanischer Marken bezahlt.“
In charmanten Händen Jemma Freeman reist gern mit ihrem Mann, einem Anwalt, durch die Welt. Sie liebt Skifahren, Haus und Garten. Das Nest für die siebente Generation steht bereit. Andererseits ist sie fasziniert von ihrer Aufgabe und der Möglichkeit, „jeden Tag Neues lernen zu dürfen“. Das Zigarrengeschäft liegt ihr im Blut. Nicht nur, weil ihre Familie seit fast 220 Jahren im Zigarrenhandel tätig ist, sondern auch, weil sie es von der Pike auf gelernt hat. Übrigens: Ihre erste Zigarre war „wahrscheinlich eine Montecristo No.1, von der mich mein Vater kosten ließ, als ich noch sehr, sehr jung war“. Die erste Zigarre, die sie wirklich bewusst und mit Genuss geraucht hat, war eine Trinidad Fundadores, die ihr Edward Sahakian, der Besitzer von Davidoff of London gab – und das ist gar nicht lang her … Mit einer Montecristo Edmundo in der Hand im offenen Audi Cabrio von einer tollen Frau durch das sonnige Fulham Borough chauffiert zu werden vermittelt ein wohltuendes Maß an Sicherheit, dass eine der letzten Bastionen britischer und europäischer Lebensart in charmanten Händen liegt – in denen von Jemma Freeman, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Zigarrenbranche weltweit – und sicherlich der charmantesten.
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