EnglishDeutsch
cj cover 1 13 d startseite
Drucken E-Mail

Palacio-Aldama-dritte-Etag

Eines Präsidenten würdig

Text: Claudia Puszkar / Fotos: Claudia Puszkar

Er steht im Herzen Havannas. Zeitge-nossen behaupteten, er wäre eines Präsidenten würdig gewesen – der Palacio Aldama.

er Palacio Aldama ist nicht wie La Escepción, El Eden oder La Meridiana als Zigarrenmanufaktur konzipiert und gebaut worden. Er ist wuchtig und hat nichts von der architektonischen Eleganz anderer Zigarrenpaläste. Der Patio mit seinem Marmorbrunnen und den Deckenmalereien muss seinerzeit ein wahrer Augenschmaus gewesen sein. Der Palacio war viele Jahre lang Heimstätte der berühmten Manufaktur La Corona.

Aus zwei mach eins
Die Vorgeschichte des Gebäudes, die sich in einer Zeit abspielte, als noch lange nicht der Duft guten Tabaks die Hallen erfüllte, ist recht interessant. Denn der Palacio ist aus zwei nebeneinanderliegenden Gebäuden entstanden, die erst später miteinander verbunden wurden. Erbaut wurden beide Häuser um 1840 von dem damals berühmten Architekten José Manuel Carreras. Die Adresse des Gebäudes, das heute den rechten Teil des Hauses einnimmt und das größere der beiden Häuser war, lautete Calle Reina No. 1 (heute die Avenida de Bolívar). Es befindet sich an der Ecke zur Calle Amistad. In diesem Haus wohnte der aus dem Baskenland stammende, in der Zuckerindus-trie sehr wohlhabend gewordene Domingo de Aldama, dessen Namen der Palacio noch heute trägt. Die Adresse des anderen Gebäudes war Calle Amistad 142. Es reicht bis zur Ecke an der Calle Estrella. Aldama ließ dieses Haus für seine Tochter Rosa bauen, die mit Domingo del Monte verheiratet war.

Unter Verdacht
Eigentlich ist so gut wie nichts über die Familien Aldama und Del Monte bekannt. Möglicherweise handelte es sich aber bei der Familie Del Monte um die Nachkommen des berühmten kubanischen Schriftstellers und Kritikers Domingo del Monte, der allerdings schon 1844 außer Landes fliehen musste. Er wurde verdächtigt, an der Organisation eines Sklavenaufstandes beteiligt gewesen zu sein. 1853 starb er in Madrid. Sollte die Familie del Monte aus der Calle Amistad 142 tatsächlich mit Domingo Del Monte verwandt gewesen sein, hatte sie vielleicht seinen Kampf um die Unabhängigkeit Kubas weitergeführt. Vielleicht stand die Familie schon seit Jahren unter der besonderen Aufmerksamkeit der spanischen Behörden.
Im Jahre 1869 kam es zu einem für die Bewohner beider Häuser tragischen Vorfall. Ein Jahr zuvor hatte auf der Insel der erste Krieg des Jahrzehnte dauernden Kampfes um die Unabhängigkeit Kubas von der spanischen Kolonialmacht begonnen. Plötzlich stürmten spanische Truppen das Haus der Del Montes, durchsuchten das Gebäude und hinterließen einen Ort der Verwüstung. Wie sich herausstellte, wurde die Familie Del Monte dringend verdächtigt, mit den Aufständischen zu kollaborieren und in ihrem Haus ein Waffenlager zu haben. Die spanischen Machthaber vermuteten Sympathisanten und heimliche Unterstützer überall und waren bei ihrem Vorgehen offenbar nicht zimperlich. Es wurden weder Waffen noch anderes verdächtiges Material sichergestellt, was das harte Vorgehen der Behörden gerechtfertigt hätte.

Ein Kollateralschaden
Doch nicht nur die Familie Del Monte war Leidtragende des Geschehens. Die Behörden durchsuchten auch das daneben liegende Gebäude der Familie Aldama und zerstörten dabei wohl einen Großteil der Inneneinrichtung. Obwohl es sich um eine hoch angesehene und begüterte Familie handelte, nahmen die Behörden keine Rücksicht. Aldama und seine Familie sahen sich durch diesen willkürlichen Akt derart provoziert, dass sie nur wenig später in die USA emigrierten. Es herrschte Krieg auf der Insel. Und auch wenn die Familie Aldama den Kampf um die Unabhängigkeit vielleicht nicht unterstützte, stellte sie doch die Unversehrtheit von Leib und Leben über alles. Das in Kuba verbliebene Vermögen der Familie Aldama, darunter der Palacio mit all seinen noch vorhandenen Schätzen, wurde vollständig konfisziert. Ihre Ausreise in die USA wertete man als Flucht und damit als ein Schuldeingeständnis. Die folgenden Jahre standen beide Gebäude offensichtlich über einen größeren Zeitraum leer.  

Tabakduft erfüllt die Hallen
Erst im Jahre 1889, also etwa zwanzig Jahre nach den Vorkommnissen während des ersten Krieges, wurde das Gebäude der Aldamas bei einer Auktion zur Versteigerung ausgeschrieben. Segundo Alvarez und Perfecto Lopez, die Besitzer der Marke La Corona, erwarben das Gebäude, nachdem sie aus nicht bekannten Gründen wohl die einzigen Bieter waren. Schon Jahre zuvor hatte einer dieser Herren das daneben liegende Gebäude der Familie Del Monte gekauft.
1879 war der Versuch der Kubaner, als eine der letzten Kolonien weltweit ihre Unabhängigkeit zu erreichen, niedergeschlagen worden. Seit etwa zehn Jahren war also so etwas wie Ruhe auf der Insel eingekehrt, das Leben konnte weitergehen, Investitionen wurden getätigt.
1882 kaufte Segundo Alvarez die Marke La Corona. Er entstammte einer alten Tabakhandelsfamilie. 1855, zu einer Zeit also, als die kubanische Zigarre quasi noch in den Kinderschuhen steckte, baute er schon eine eigene Zigarrenproduktion auf. Einige Jahre später gründete er mit Perfecto Lopez die Gesellschaft Alvarez, Lopez y Cia. Diese Gesellschaft machte aus diesen zwei Gebäuden eines. Nach den Umbauarbeiten konnte 1889 der neu geschaffene gewaltige Gebäudekomplex als Zigarrenmanufaktur bezogen werden. Die Manufaktur bekam den Namen La Corona. Gemeinsam mit Perfecto Lopez machte Segundo Alvarez aus der Marke La Corona jene Marke, die viele Jahrzehnte weltberühmt war und heute dem Namen nach noch vielen ein Begriff ist.

Die Briten im Boot
Bereits 1889 verkauften Alvarez und Lopez Anteile des Unternehmens an die britische Firma Henry Clay and Bock Ltd.  Gemeinsam mit Gustavo Bock leitete Alvarez die Manufaktur La Corona im Palacio Aldama bis 1898. Es ist leider nicht überliefert, wie alt Segundo Alvarez damals war, doch er müsste zu diesem Zeitpunkt bereits hochbetagt gewesen sein. Also hat er in diesem Jahr vielleicht einfach aus Altersgründen seine gesamten Anteile an Clay und Bock übertragen. Seit 1895 erschütterte außerdem ein weiterer Versuch, Unabhängigkeit von den Spaniern zu erlangen, das Leben auf der Karibikinsel. Diesmal spielten sich die Kämpfe besonders in der Hauptstadt Havanna ab und nicht, wie in den Auseinandersetzungen vorher, nur in der Provinz. Nur wenige Monate später transferierten Clay und Bock dann sämtliche Anteile an die American Tobacco Company.

Big and bigger
Die Produktion lief weiter auf Hochtouren. Anfang des 20. Jahrhunderts bekam der Palacio sogar noch ein weiteres Stockwerk aufgesetzt. Fotos aus dieser Zeit belegen das. Im Jahre 1971 hat man dieses Stockwerk jedoch wieder entfernt.
Mit dem Eintritt der Amerikaner ins Geschäft änderte sich vieles. Die American Tobacco Company hatte eine Vielzahl an Markenrechten und Fabriken erworben. Bei einer solchen Menge an Zigarren lohnte sich die Produktion in einer noch größeren Manufaktur. Der so genannte Eisenpalast, der im Jahre 1904 eingeweiht werden konnte, beherbergte seit dieser Zeit die Produktion vieler bedeutender Marken, auch die von La Corona. Obwohl die Produktion einiger Marken aus dem Palacio Aldama abgezogen wurde, nutzte man ihn als Zigarrenmanufaktur noch bis 1932. Im Zuge eines Generalstreiks der Zigarrenroller jedoch schloss man das Haus. Die Produktion aus dem Palacio verlegte man nach Trenton, New Jersey. Man verwendete kubanischen Tabak und beschäftigte dort eine Menge kubanischer Emigranten als Roller. Denn die Steuern auf importierten Tabak waren in den USA wesentlich geringer als auf bereits fertig gerollte Zigarren. Das war das Ende des Palacio Aldama als Manufaktur. Denn ab 1933 wurde dort nur noch Tabak gelagert, entrippt und verkauft.

Das Ende
1945 veräußerte die Gesellschaft das Gebäude. Ein Kaufhaus wurde eingerichtet, die restlichen Räume als Büros genutzt. Heute beherbergt der Palacio neben dem Institut für kubanische Geschichte eine Reihe weiterer Büros. In der Zeit von 1961 bis 1966, nach der Revolution, schrieb man im Palacio noch einmal für kurze Zeit Zigarrengeschichte. Die damals neu gegründete Organisation Cubatobaco, die nach der staatlichen Übernahme für die Herstellung sämtlicher kubanischer Zigarren zuständig war, richtete dort ihr Hauptquartier ein. Doch es war ein kurzes Intermezzo. Die Zeiten, in denen der Palacio Aldama im Zigarrengeschäft eine Rolle spielte, waren unwiederbringlich vorbei.

 
   
 





onmarketing