
Rituale aus archaischen Welten
Für den kubanischen Künstler Carlos Quintana ist die Zigarre ein Lebenselixier; auch bei seinen nächtlichen Mal-Exzessen begleitet ihn stets eine Puro.
Die Haare trägt er zum Pferdeschwanz gebunden wie Salvador Dalí und auch seine provokanten Inszenierungen erinnern an den Meister des Surrealismus. Unvermutet beißt Carlos Quintana den Kopf seiner Zigarre an, spuckt den Tabaksaft ungeniert auf die Leinwand und benutzt ihn als Farbe. Mit bloßen Fingern malt er dann kurios geschwungene Buchstaben – free, das englische Wort für frei. Aber warum schweben sie wie Musiknoten im Raum? „Das ist ein sonido, ein malerischer Klang,“ beschreibt er seine „Action Art“ und setzt zu einem teuflischen Grinsen an. Carlos Quintana ist ein international gefragter Künstler, seit vielen Jahren stellt er in aller Welt aus. Seine Atelier-Wohnung im ruhigen Stadtteil Playa in Havanna ist voll geräumt mit spannenden Exponaten. Im Wohnzimmer knallt einem in fluoreszierendem Himbeerrot ein verführerischer Frauenkörper überdimensionaler Größe entgegen. Darüber thront ein Elefantenkopf wie ein Leibwächter aus einem magischen Tierreich. Schaut man nach oben, überrascht an der Decke ein Acrylgemälde aus Quintanas dämonischer Figurenwelt – abstrakte Menschenköpfe, die von einem Zeremonienmeister gesteuert in ein fernes Nirwana zu driften scheinen. Der 43-jährige ist Anhänger der afro-kubanischen Santería. Deren Gottheiten beeinflussen wesentlich seine künstlerische Arbeit: „Ich arbeite bis spät in die Nacht hinein, dabei rauche ich Zigarren. Das erweckt die Geister der Orishas in mir; mein Pinsel bewegt sich dann mit ungeheurer Dynamik, holt alle Obsessionen aus mir heraus.“ Die Werke des kubanischen Malers hängen in weltweit renommierten Sammlungen der Moderne; in den Metropolen Nord- und Mittelamerikas genauso wie im spanischen Barcelona oder Madrid. Auch einer seiner drei Hunde ist meist im Atelier dabei, wenn Quintana seine expressiven Farbschlachten oder auch geheimnisvoll stillen Bilder inszeniert. Sie sind verwirrend und faszinierend zugleich – archaische Rituale mit entrückten menschlichen Gestalten, die mal wie verlorene Seelen, mal wie Schamanen vor sakralen Opferschalen in Trance verharren. Aber auch mystische Pferde tauchen auf. Sie scheinen aus prähistorischen Höhlen entsprungen, während Quintanas Frauenfiguren wie zeitlose Evas wirken. Diese lässt er mit wollüstiger Schönheit aus bunten Paradiesbäumen erwachsen. „Der deutsche Expressionismus hat mich stark beeinflusst,“ betont der Maler. Quintana versteht sich als Autodidakt. Nur kurz studierte er an Schulen wie dem Kunstinstitut San Alejandro in La Habana: „Kuba bietet gute Entwicklungsmöglichkeiten für Künstler. Die Revolution hat auf diesem Gebiet sehr viel erreicht“, sagt der Sohn eines Bibliothekars und zieht kräftig an seiner Vegas Robaina aus Pinar del Rio. Mit elf Jahren rauchte er seine erste Zigarre: „Mir wurde danach so übel, dass ich mir schwor, niemals wieder eine anzufassen. Heute ist die Zigarre eines meiner Lebenselixiere.“ An dem weltlichen Rauchgenuss scheinen sich auch die Orishas zu erfreuen, die bei Quintanas nächtlichen Mal-Exzessen quasi zum Leben erwachen. Kein Wunder, liegen doch auf ihren Opferschalen stets auch Puros, dargebracht von Santería-Gläubigen, die ihre Götter gnädig stimmen wollen.
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