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Vom Rauchen und der Kunst

»Give me a cigar!« So endet Lord Byrons Gedicht »Sublime Tobacco« aus dem Jahr 1823. Es ist das erste Gedicht, das jemals über eine Zigarre geschrieben wurde. Byron besingt darin den Tabakgenuss: »Göttlich in einer Wasserpfeife, herrlich in einer Pfeife.« Die Zigarren aber sind für ihn „nackte Schönheiten“.

„Give me a cigar!« Das ist eine Aufforderung an die Musen. Kaum ein Poet von Rang, der nicht seinen Geist mit Nikotin befeuerte. Die Liste der rauchenden Dichter liest sich wie ein Who is Who der Literatur. Eine einzige prominente Ausnahme gibt es. Johann Wolfgang von Goethe war Tabak zuwider: »Das Rauchen macht dumm, es macht unfähig zum Denken und Dichten.« Mit dieser Meinung allerdings blieb Goethe weitgehend allein.

Rauchen und Denken gehören zusammen
Heinrich Böll, Nobelpreisträger des Jahres 1972, bekannte: »Beim Schreiben selbst brauche ich nur ein ruhiges Zimmer, sehr viel Zigaretten, alle zwei Stunden eine Kanne Kaffee oder Tee, eine große Flasche Kölnisch Wasser und eine Schreibmaschine.« Auch andere Nobelpreisträger wie Ernest Hemingway, Albert Camus, Samuel Beckett, Elias Canetti, Günter Grass – um nur einige zu nennen – rauchten beim Dichten.
Für alle diese Autoren gehörten Rauchen und Denken einfach zusammen. Der holländische Arzt Beintema von Palma schrieb schon im 18. Jahrhundert: »Einer der studiert, muss notwendig viel Tabak rauchen, damit die Geister nicht verloren gehen.« Das hat durchaus einen handfesten Hintergrund. Nikotin stimuliert das Nervensystem nicht, wie etwa das Koffein, sondern beruhigt es. Und so wird die Wirkung des Tabaks beschrieben mit Begriffen wie Ruhe, Konzentration, Kontemplation. Der deutsche Autor Tilmann Spengler erklärt das so: »Die meisten Dichter dichten nicht ununterbrochen, hätten aber gerne das Gefühl, dass sie ununterbrochen dichteten. Weil sie ja sonst faul rumsäßen und Löcher in die Luft stierten. Und dann ist es wunderbar, wenn man eine Zigarette rauchen kann.«
Zu Beginn der Tabakgeschichte wurde am Schreibtisch vor allem Pfeife geraucht. Friedrich Schiller tat es, der Philosoph Immanuel Kant stopfte sich schon am Morgen seine Pfeifen für den Tag, der Romantiker E.T.A. Hoffmann zeichnete sich selbst mit einer überdimensionalen Pfeife am Stehpult. Berühmte Pfeifenraucher unter den Dichtern des 20. Jahrhunderts sind Günter Grass und Max Frisch. Michael Ende wurde 1986 sogar »Pfeifenraucher des Jahres«.

Die Zigarre als revolutionäres Symbol
Aber so eine Pfeife fordert nun einmal ihre Aufmerksamkeit. Sie will gestopft werden, der Zug muss geprüft und reguliert werden. Das lenkt von der eigentlichen Arbeit des Dichtens ab. Deshalb wurde seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend die Zigarre zum idealen Begleiter des Poeten. Sie muss nur noch beschnitten und angezündet werden, und garantiert ein fast ebenso langes und kontemplatives Rauchvergnügen wie die Pfeife. Noch etwas anderes sprach für die Zigarre. Weil die Pfeifen schon lange im Gebrauch waren, galten sie als altmodisch und rückständig. Die Zigarren dagegen hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Status eines revolutionären Symbols. Das ist ein Grund, warum zum Beispiel Karl Marx und sogar noch Bertold Brecht Zigarren rauchten. Zum Statussymbol wurde die Zigarre erst später.
Joachim Ringelnatz versuchte sogar, aus seiner Liebe zum Rauchen ein Geschäft zu machen. Im Frühjahr 1909 eröffnete er in der Münchener Schellingstraße das »Tabakhaus zum Hausdichter«. Ende des Jahres musste Ringelnatz allerdings schon wieder schließen. Fortan rauchte und dichtete er nur noch.
Kunde bei Ringelnatz war möglicherweise auch Thomas Mann, einer der berühmtesten Zigarrenraucher der Literaturgeschichte, übrigens ebenfalls Nobelpreisträger. Er hat in seinem Roman »Der Zauberberg« der Zigarre ein literarisches Denkmal gesetzt. Hans Castorp, der Zigarre rauchende Held des Romans, besucht seinen abstinenten Vetter Joachim in Davos und erklärt ihm. »Ich verstehe es nicht wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen!«
Natürlich spricht da der leidenschaftliche Raucher Thomas Mann selbst. Ironischerweise lässt er seinen Helden dieses Hohe Lied der Zigarre in einer Lungenklinik singen. Dort führt Castorp mit dem ebenfalls Zigarre rauchenden Lungenfacharzt Hofrat Behrens ein Fachgespräch über seine „Krautwickel“: »Maria Mancini, Postre de Banquete aus Bremen, Herr Hofrat. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche lässt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muss besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig.«
Die Maria Mancini gibt es heute noch. Zu Ehren Thomas Manns hat man sogar eine imposante Piramides namens »Magic Mountain« entwickelt. Ein anderer Dichter (und Nobelpreisträger) nach dem eine Zigarre genannt wurde, war Ernest Hemingway. Die Arturo Fuente Hemingway Zigarren sind perfekt gerollte Meisterstücke, bei denen ein Cameroon Deckblatt über Tabake der dominikanischen Republik gerollt wird.
Selbst bei der Herstellung der Zigarren wurde dem Zusammenspiel von großer Literatur und einer perfekten Zigarre Rechnung getragen. In den kubanischen Tabakmanufakturen gab es Vorleser, um die Arbeiter und Arbeiterinnen bei der Arbeit zu unterhalten. Vorgelesen wurden zunächst die Tageszeitungen, später dann dicke Romane von Autoren wie Victor Hugo oder Alexandre Dumas und vielleicht auch Lord Byrons Gedicht: »Give me a cigar!«

 
   
 





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