
Brasil – würziger Tabak aus Bahia
Text: Sebastian Zimmel / Fotos: Villiger
Brasil-Tabake sind Klassiker in Premiumzigarren. Brasil findet sich aber auch in fast jedem Shortfiller Blend. Kommen sie alle aus der Mata Fina? Ist Brasil immer schwarz und süß? Wie wird er geerntet? Wir haben Experten dazu befragt.
Brasilien ist ein klassisches Tabakland. Im Süden, in den Staaten Paraná, Santa Catarina oder Rio Grande do Sul, wächst sehr guter Virginia- und Burley-Tabak, der für Zigaretten verwendet wird. Tabak für Zigarren gedeiht bekanntlich nur in relativ kleinen, eng umgrenzten, mit günstigem Klima und entsprechenden Böden gesegneten Landstrichen dieser Erde. Ein solcher befindet sich im Nordosten Brasiliens in den Staaten Bahia und Alagoas. São Salvador da Bahia de Todos os Santos ist der offizielle Name von Salvador, der Hauptstadt von Bahia an der „Allerheiligenbucht“. Hier schlägt das schwarze Herz Brasiliens; hier residiert auch Hans Leusen, Präsident der Companhia Brasileira de Charutos Dannemann, die im 19. Jahrhundert vom Bremer Kaufmann Geraldo Dannemann gegründet wurde. Geraldo Dannemann blickt heute noch entschlossen von allen Packungen der Dannemann-Zigarren und -Zigarillos – el noble cigarillo. Hans Leusen erzählt: „Brasil-Tabak ist älter als die Entdeckung Amerikas – seit Jahrhunderten haben ihn die Ureinwohner gepflanzt, gekaut, geschnupft. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er mit Maryland-Tabak gekreuzt – als Antwort auf den damals so erfolgreichen Virginia-Tabak. Diese Kreuzung war der Ursprung des heutigen Bahia Brasil-Zigarrentabaks.“ Sogar das Grün in der brasilianischen Flagge soll die grünen Fluten wogender Tabakfelder symbolisieren, und auch im ursprünglichen Wappen Brasiliens befindet sich eine blühende Tabakpflanze. „Hier in der Provinz Bahia“, fährt er fort, „fand Geraldo Dannemann was er suchte: die fruchtbaren, sandigen Böden des Recôncavo; ein Klima ideal für den Tabakanbau. Alles nicht weit vom Hafen Salvador, aus dem Schiffe aus aller Welt anlegten. Eine Manufaktur mit ganzen sechs Frauen war die Urzelle eines Tabakimperiums, das er bei seinem Tode 1921 seinen Nachfolgern – seine Frau Alleluja schenkte ihm 13 Kinder – hinterließ. Heute arbeiten an die 6000 Menschen direkt und indirekt für Dannemann in Brasilien.“ Markus Dietrich ist Managing Director und Brazilian Country Manager der Fumex-Tabacalera Ltda., der Brasilien-Niederlassung der CdF International Group, die sich weltweit auf darkfired Tabake primär für Zigarren spezialisiert hat: „Die Anbauregionen in Bahia gliedert man in die Mata Fina (das größte Gebiet), Mata Norte und Mata Sul. 500 Kilometer nördlich von Bahia ist die Region Arapiraca. Die Unterschiede in Bezug auf Regenfälle und Sonnentage sind nicht so groß, aber sie variieren von einer Ernte zur anderen. Im allgemeinen hat Bahia ein eher moderates Klima, während Arapiraca leicht tiefere Temperaturen und stärkere Winde wegen seiner geografischen Lage auf einem Plateau aufweist. Die idealen Bedingungen für ein gutes Wachstum sind sonnige und dazwischen regnerische Tage. Es gibt natürlich auch genetische Unterschiede zwischen den verschiedenen Tabak-Varietäten.“
Sind alle Tabake aus Bahia dunkel? Dr. Karlheinz Diekmann, Chef der Rohtabakeinkauf-/Leaf Procurement-Gruppe von Villiger Söhne, und Matthias Bialkowski, Direktor von Ermor Tabarama, Bahia, Brazil, führen dazu aus: „Brasilianische DAC (dark air cured = dunkle, luftgetrocknete) Tabake gibt es in mehreren Varianten. Aus dem Staat Bahia kommen die dunklen Bahia Leaf Mata Fina-Tabake und der Bahia Leaf Mata Norte. Aber es gibt auch die hellen Deckblatttabake Bahia Sumatra Wrapper und den Bahianno Wrapper (Havanna Style). Aus dem Staat Alagoas kommen der Arapiraca Leaf und der Arapiraca Wrapper/Deckblatt-Tabak. Die Mata Fina und die Mata Norte werden noch in Sub-Distrikte eingeteilt: In der Mata Fina gibt es zunächst den Bezirk Cruz das Almas mit den Ortschaften Cruz das Almas, São Felipe, Cabaceiras, Mombaça, Governador Mangabeira. Auch hier gibt es wiederum geringe regionale Unterschiede. Hier wächst der geschmackvollere, vollaromatische Mata Fina. Das Blatt ist im Allgemeinen rund und breit; die Farbe des fermentierten Tabaks ist ein tiefes Braun. Im Bezirk Almeida mit den Orten Conceição do Almeida, Sapé, Comércio, Fazenda, Dom Macedo Costa und Tabuleiro gedeihen etwas zartere, niedriger wachsende Mata Fina-Blätter. Eine besondere Eigenschaft dieses Tabaks sind die feinen Mittelrippen und die feinen Seitenvenen. Die Farbe des Tabaks ist ein helleres Braun. Qualitativ feine Mata Norte-Tabake kommen aus Berimbau, Coração de Maria, Irará und Bom Jardim. Dieser dunkelbraune, starke Tabak ist von ausgezeichneter Qualität. Bom Jardim-Tabak ist ein besonders feiner und aromatischer Einlagetabak. Dieser Zigarrenfiller hat sogar eine stärkere Geschmackswirkung als der Mata Fina.“ Die gründlichen Schweizer und deutschen Einkäufer von Villiger haben das in ein übersichtliches Schema gebracht:
TYP FARBE AROMA STÄRKE
Bahia Leaf dunkles süß, medium Mata Fina Schokoladebraun vollaromatisch Bahia Leaf Dunkles, süß, medium Mata Norte rötliches Braun vollaromatisch bis kräftig
Bahia Sumatra- helles Braun mild mit etwas leicht bis Deckblatt Würze medium
Bahianno- hell rötlich bis voller Körper medium bis Deckblatt dunkelbraun kräftig (hängt von der Lage an der Pflanze ab)
Arapiraca dunkles Braun neutral, medium bis Leaf etwas Süße kräftig (hängt von der Lage an der Pflanze ab)
Arapiraca- dunkles Braun neutral, medium Deckblatt etwas Süße
Aber auch Markus Dietrich von Fumex-Tabacalera (der Hauptsitz der CdF ist in Utrecht in den Niederlanden), hat eine aufschlussreiche Tabelle zur Hand (siehe Seite 108): „Im September geben die Kunden ihre Wünsche bekannt. Von März bis Juni des folgenden Jahres werden die Felder vorbereitet, gepflügt, gedüngt, Steine entfernt. Von März bis Mitte Juli werden die Saatbeete für die winzigen Samen angelegt. Die kleinen Setzlinge kommen dann von Ende April bis Mitte August ins freie Feld. Von Juni bis Ende November wird schon geerntet, und bis knapp vor Weihnachten trocknet der Tabak in den Scheunen. Von Oktober bis Ende Februar des nächsten Jahres kaufen Tabakhändler und Abpacker von den Bauern. Die Fermentation dauert in der Regel von Oktober bis Ende August des Folgejahres. Tabak ist ja kein börsenfähiger Artikel. Daher kaufen die Einkäufer sorgfältig Partie für Partie. Ist der Deal perfekt, werden die Tabake in der Zeit von März bis Oktober abgepackt. Und dann beginnt ein neues Tabak- und Handelsjahr. Die beste Zeit für einen Besuch in Bahia ist im April und Mai.“ Auch im fernen Nordosten Brasiliens haben die Bauern ihre Regeln. So setzt José Raimundo Silva Sacramento, einer jener ausgesuchten Pflanzer, welche Tabake für die Mata Fina-Zigarre ablieferern, den Tabaksamen, den ihm Dannemann zur Verfügung stellt, am liebsten am Karfreitag – oder am 3. Mai, dem Heiligkreuztag, in die Beete, sodass am 24. Juni zu Johannis mit der Ernte begonnen werden kann. „Zwischen Mata Fina und Arapiraca gibt es Gemeinsames, aber auch Unterschiede“, so die Experten von Fumex CdF, die auch die Santa Julia-Farm am Rande der Stadt Cruz das Almas betreiben: „Bahia- und Arapiraca-Setzlinge werden während der Regenzeit, meist zwischen den Monaten Mai, Juni und Juli, gepflanzt. Die Böden in Bahia neigen dazu, ein bisschen schwerer zu sein als jene in Arapiraca, die eher auf der sandigen Seite liegen. Die Pflanzer in Bahia bewirtschaften kleinere Flächen, ca. 0,5 bis 1,5 Hektar. Die Farmen in Arapiraca sind größer, so zwischen 5 und 10 Hektar.“
Wie wird geerntet und getrocknet? Wie wird fermentiert? Auf der Dannemann-Tabakplantage, der Fazenda Capivari, stehen von den 500 Hektar ca. 150 im Fruchtwechsel unter Tabak. Hans Leusen zieht genüsslich an seiner würzig-süßen Artist Line Reserva und erklärt: „Beim Mata Fina wird der ganze Stamm der Tabakpflanze geerntet. Die gesamte Pflanze wird mitsamt der Blätter zum Trocknen aufgehängt. Der Arapiraca wird traditionell Blatt für Blatt geerntet. Brasiltabak wird in Scheunen ca. 30 Tage lang luftgetrocknet. So kommt es zu einem speziellen Austausch zwischen dem trocknenden Blatt und dem mit geernteten Hauptstamm. Während dieses einzigartigen Trocknungsprozesses erreicht der Tabak ein perfekt ausbalanciertes Gleichgewicht. Dabei entstehen auch die schönen braunen Farben, die den Tabak so bekannt machen.“ „Bei der so wichtigen Fermentation werden die Brasiltabake in riesigen 3 mal 5 Meter großen, 12 bis 18 Tonnen schweren Würfeln aufgeschichtet und bei genau kontrollierten 55 Grad Celsius acht Monate lang natürlich veredelt. Dazu werden sie mehrmals in mühsamer Handarbeit umgeschichtet. Dank des Zusammenwirkens von Enzymen, der richtigen Feuchtigkeit und Temperatur baut sich das Aroma und die Brennfähigkeit des Brasiltabaks auf.“ Markus Dietrich ergänzt: „Die großen Tabakhaufen – Pilonen – sind beim Arapiraca größer. Auch die Temperatur der Fermentation ist höher.“
Ist jeder Brasil-Tabak Sun Grown? Karlheinz Diekmann von Villiger antwortet: „Nein, Brasil Sumatra, also Sumatra-Samen, der in Brasilien wächst, wird wie in Kuba als Shade-Tabak unter schützenden Tüchern gezogen.“ Und zur Erklärung zeichnet er mir wieder eine übersichtliche Tabelle auf:
Pflanzung Ernte Trocknung Fermentation
BAHIA LEAF Sun Grown Ganz- Dark air In Pilonen (MATA FINA & stamm (Luft) cured (Haufen) NORTE)
BAHIA Shade Blatt- Dark air In Pilonen SUMATRA Grown weise cured (Haufen)
BAHIANNO Sun Grown Blatt- Dark air In Pilonen (Havanna weise cured (Haufen) Style)
ARAPIRACA Sun Grown Blatt- Sun cured In Pilonen LEAF weise (Haufen)
ARAPIRACA- Sun Grown Blatt- Dark air In Pilonen Deckblatt weise cured (Haufen)
Es sind also Einlagetabake und die dunklen Deckblätter Sun Grown; die hellen Deckblätter sind Shadegrown. Markus Dietrich: „Bei uns ist auch der Brasil Havanna Shade Grown.“
Was ist das Besondere am Brasil-Tabak? Da ist Hans Leusen in seinem Element: „Was den Bahia-Tabak so besonders macht, ist das Faktum, dass die Gebiete der Mata mit der Mata Fina als der besten Region weniger als 100 Meilen vom Meer entfernt sind. Das bei 250 bis 300 Meter Seehöhe mit einem eher kargen Boden, der aber für den Tabakanbau besonders geeignet ist.“ Und weiter: „Die Wurzeln der Tabakpflanzen müssen sich hier besonders anstrengen, Wasser aufzunehmen. 900 Liter Wasser müssen fließen, um zirka drei Kilogramm Tabak einer Pflanze zu bekommen. Erst nach der Trocknung in einem unserer 60 Trockenhäuser und monatelanger Fermentation kommt es zu den schönen dunkelbraunen Farben und zum angenehmen, leicht süßlichen Geschmack des Brasil. Das Aroma kann zu Schokolade, frischem Brot oder reifen Äpfeln hin tendieren.“ „Der Anbau erfolgt im Einklang mit der Natur: Nicht schwere Traktoren, sondern Ochsengespanne pflügen den empfindlichen Boden. Kakaoschalen geben einen biologischen Dünger. Zwischen die Tabakreihen gesetzte Sonnenblumen halten Schädlinge fern.“ Die Menschen sind auch bei schwerer Arbeit fröhlich und gut aufgelegt. Das spürt wohl der „smiling consumer“ am anderen Ende des Atlantiks. Ein weiteres Spezifikum des Brasiltabaks ist – neben seiner guten Brennbarkeit – seine schöne, feste weiße Asche. Cdf Fumex produziert selber keine Zigarren. Bahia-Filler werden von fast allen europäischen Herstellern, aber auch von vielen Produzenten in Zentralamerika und der Dominikanischen Republik verwendet. Man schätzt das süße, sanfte Aroma. Man nennt sie auch Pfeffer und Salz in einer guten Zigarre. Brasil ist heute wieder in aller Munde. Paraderaucher war einst der Kanzler des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, dem Zino Davidoff seine damalige Lieblingsmarke Suerdieck besorgte. CAO erhielt für die Linie Brazilia große Zustimmung, wo sich ein sorgfältig ausgesuchtes Brasil-Deckblatt harmonisch mit einer kräftigen Nicaragua-Einlage verbindet. Ein Klassiker ist die Alonso Menendez, die meistverkaufte Brasil am allerdings kleinen Zigarrenmarkt in Brasilien, oder die angenehm süffige Brasil Trüllerie von Schuster, Bünde. Wenn Thomas Klaphake von De Olifant eine Partie bester Mata Fina-Decker ergattert, legt er eine Limited Brasil Edition seiner kleinen, feinen De Olifant auf, die allerdings meist im Nu vergriffen ist. Wegen der schönen, braunen, dunk-len Farbe glauben viele, dass eine Brasil besonders stark ist, aber das Gegenteil ist wahr. Die Brasil ist eine angenehm zu rauchende Zigarre. Immer mehr Freunde rassiger, dunkler Brasil-Schönheiten genießen den „Samba am Gaumen“.
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