
Pfeffriger Sumatra aus Deli
Text: Sebastian Zimmel / Fotos: beigestellt
In einer kleinen Serie stellen wir die wichtigsten Anbaugebiete für Zigarrentabake vor. Dieser wächst bekanntlich nur in eng umgrenzten, mit günstigem Klima und entsprechenden Böden gesegneten Landstrichen dieser Erde. Dazu kommen freilich die Kunst und die Erfahrung der Tabakbauern, Experten und Techniker, die alle zusammen für die edlen goldbraunen Blätter sorgen, die uns wohl verarbeitet Genuss und Freude bereiten. Denn – so weiß der Kenner – es gibt keine guten Zigarren mit schlechtem Tabak.
Mit schlechten Nachrichten aus Sumatra und über die leidgeprüften Menschen dort werden wir dieser Tage überhäuft. Ein Übel kommt selten allein. Nach Erdbeben und Tsunami kommen jetzt Vulkanausbrüche ... Daher hier die gute Nachricht: Den Anbaugebieten für Zigarrentabake in Sumatra und ihren Bewohnern ist nichts geschehen. Diese liegen zwar im Norden der 1770 Kilometer langen und bis zu 400 Kilometer breiten, westlichsten der großen Sunda-Inseln (Sumatra ist um einiges größer als Kuba), aber sie befinden sich an der Ostseite und in den Bergen. Sumatra durchziehen gewaltige Gebirgsketten. Der höchste Vulkan, der Kerintji, ist 3805 Meter hoch.
Regen und Vulkane „Ein Grund für die hohe Qualität unserer Zigarrentabake hier in Medan, im Norden Sumatras, ist das Klima“, erklärt Tirto Harsono, Senior Cigar Developer bei Djarum. Wir kurven im klimatisierten Minibus durch die belebten Straßen der emsigen Handelsstadt Medan. Moscheen, weite Parkanlagen, alte Kolonialhäuser säumen unseren Weg. „Es regnet im Schnitt 2000 Millimeter im Jahr, am meisten im Oktober und November; im April und Mai sind die Niederschläge eher gering.“ Alles relativ, denke ich, als der Wagen durch eine seeartige Pfütze pflügt, so dass sich die Straßenhändler in Sicherheit bringen. Mit asiatischer Ruhe erzählt Pak (= Herr) Harsono weiter: „Die Durchschnitts-temperatur beträgt 25,2 Grad Celcius, die Luftfeuchtigkeit 60 bis 70 Prozent zu Mittag, sonst meist über 70 Prozent. Am Abend ist sie bei fast 100 Prozent.“ Wie wahr – schon auf den wenigen Schritten zum Hotel denke ich, ich bin in einer Sauna. Das Hemd klebt am Körper. Wie die holländischen Handelsherren der VOC, der Vereinigten Ostindischen Compagnie, das ausgehalten haben, als sie, wie auf alten Stichen zu sehen, mit Halskrause, Hut und rüstungsartigem Wams den locker gedressten einheimischen Pfefferhändlern gegenübergetreten sind, ist mir ein Rätsel. Bei einem kühlen BinTang-Bier und einem Gold Seal-Cigarillo – nicht zu Unrecht nennt man die kostbaren Sumatra-Tabake das „Gold von Deli“ – kommt eine leichte Brise auf. „Der Monsun macht sich in dieser Gegend nicht so stark bemerkbar“, ergänzt Budi Indriyanto, Chef der Djarum-Zigarrenproduktion im fernen Kudus auf Java. Er zeigt sich stets interessiert an besten Deckblättern. „Die Bukit Barisan-Berge im Westen von Sumatra geben dem Gebiet von Deli Schutz. Heftige Regenfälle zusammen mit starken Winden, wie sie im April oder November auftreten, können dem Tabak schaden. Von Mai bis Oktober wiederum droht Gefahr vom Bohorok, einem Wind, der die empfindlichen Pflanzen austrocknen lässt.“ Tags darauf geht es auf engen Straßen durch den morgend-lichen Dunst zu einer der staatlichen Tabakplantagen, die PTP IX bei Medan. „Der beste Sumatra-Tabak“, erläutert mein Begleiter Tirto Harsono, „gedeiht in einer Höhe von 120 bis 200 m über dem Meer. Der Boden ist vulkanischen Ursprungs.“ Es ist ein schönes Bild, wie sich die grazilen Gestalten – Tabakarbeiter sind auch hierzulande primär Frauen – in ihren bunten Sarongs, oft einen Strohhut auf dem Kopf, elegant zwischen den Feldern bewegen.
Sandblatt – teurer als Silber Gepflanzt und geerntet wird zwischen Februar und Juli. Nicht alles gleichzeitig – tausende Hände, ganze Familien sind am Werk. Das edle Sandblatt – in Bahasa Indonesia, der offiziellen Verkehrssprache, „Daun Pasir“ genannt – wächst zu unterst und wird Blatt für Blatt geerntet. Bei der Tabakbörse in Bremen, wo Sumatra- und Java-Tabake in Einschreibungen (= schriftliche Auktionen) verkauft werden, werden die besten Sumatra-Deckblätter mit Silber aufgewogen. Ein Ballen Tabak entspricht dem Wert eines Kleinwagens. In riesigen Trockenscheunen wandelt sich zwischen Mai und August das satte Grün in ein zartes Braun. Wieder sind Hundertschaften am Werk, die Tabake zu sortieren, zu fermentieren und wieder zu sortieren. Die Monate September bis Februar sind damit ausgefüllt – und so schließt der Jahreskreislauf mit Verpackung und Versand in Ballen zu 75 kg in Bastmatten. Besonders wichtig ist die Überwachung der Fermentation, die in großen Stapeln vor sich geht, in denen die Temperatur nie über 52° C steigen darf. Und schon beginnt wieder die Vorbereitung des Bodens, die Bestellung der Felder im Fruchtwechsel, das Anlegen von Drainagen, was Männerarbeit ist. Budi Indriyanto verwendet für die Djarum-Zigarrenproduktion Deckblätter- und Einlage-Tabake aus Sumatra. Für das Deckblatt werden Sandblätter, Haupt- und Mittelgut genommen; als Filler-Tabak eignen sich optisch nicht ganz so makellose Sandblätter und solche aus den Haupt- und oberen Mittellagen der Pflanze.
Musjawarah Musjawarah nennen die Indonesier die vollständige Über-einstimmung – ein mildes, ungeschriebenes Gesetz der Harmonie, sanft wie die Tabake des Landes. Wenn die Pflanzer Sumatras über Anbau und Fragen der Ernte beraten, werden nur dann Ergebnisse erzielt, wenn das Musjawarah erreicht ist. Einig sind wir uns – meine Begleiter und ich –, dass eine Dos Hermanos Royal Selection Toro mit einem Deli-Deckblatt von seidiger Farbe und Textur, würzig im Rauch, mit zarter Süße, den idealen Abschluss nach einer indonesischen Reistafel darstellt. Das Beste, was die Küche aufbieten kann, wird reichlich und gut gewürzt arrangiert. Dabei schildert mir Tirto Harsono die bewegte Geschichte des Tabaks auf Sumatra, der eigentlich erst 1863 von einem arabisch-stämmigen Indonesier namens Abdullah gepflanzt wurde. Damals zogen in den dichten Urwäldern rund um Medan noch das Sumatra- Rhinozeros und der Sumatra-Tiger ihre Kreise. Der unternehmerische Holländer J. Nienhuys mit Kapitalhilfe von P. van der Arend riskierte den Anbau in größerem Stil, und bald waren die ersten Ballen aus Deli unterwegs im Schiff nach Rotterdam. Die gute Qualität sprach sich herum, und in schneller Folge entstanden Plantagen wie die Deli Maatschappij oder die Deli Batavia Maatschappij. Von den 170 Plantagen im Boomjahr 1889 sind heute nur noch 22 übrig – die aber liefern beste Qualität. Thomas Klaphake von der kleinen holländischen Zigarrenmanufaktur De Olifant meint stolz: „Wir sind die einzigen, die ausschließlich Sumatra-Sandblatt verwenden.“ Bei der Vintage-Serie liegt sogar ein Plan bei, auf dem man nachvollziehen kann, von welcher Plantage der Tabak stammt. Traditionsgemäß verwenden die Holländer wie Agio, La Paz, Ritmeester, aber auch deutsche Hersteller wie Villiger, Arnold André oder Schuster viel Sumatra. Sumatra wurde sogar zum Synonym für helle Zigarren. Aber auch in manchem Longfiller am anderen Ende der Erde finden sich als Deck- oder Umblatt die graubraunen, pfeffrig, herbal-würzigen Blätter von der fernen Sunda-Insel. Über erdigen Besuki und nussigen Vorstenlanden aus Java berichten wir ein andermal.
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