
Broadleaf, Zandblad & Candela
Broadleaf, Zandblad & Candela könnten unterschiedlicher nicht sein, aber alle drei geben interessante Deckblätter. Wir haben Experten zu den Tabaken befragt.
Daniel Núñez stammt aus der Dominikanischen Republik, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Persönlichkeiten wie Ramón Cifuentes, Alfons Mayer oder Edgar Cullman Sen. waren seine Lehrmeister. Nach vielen Jahren in Top-Positionen in der Zigarrenindustrie ist er jetzt Präsident der Global Tobacco Services S. A. in der Dominkanischen Republik und erläutert: „Die Bezeichnung ‚Connecticut‘ für den Tabak bezieht sich auf das gleichnamige Tal, nicht auf den US-Bundesstaat.“ Der Connecticut River zieht sich von New Hampshire über Vermont und Massachusetts nach Connecticut; mehr als die Hälfte des hier gepflanzten Broadleaf-Tabaks kommt aus Massachusetts. Im Gegensatz zum goldenen, zarten Connecticut Shade, der unter riesigen Tüchern gedeiht, sind die Blätter des im Freien wachsenden Connecticut Broadleaf dicker, gröber und klebrig. Núñez nennt die charakteristischen Merkmale für Broadleaf: „Das Blatt ist dunkelbraun, gehaltvoll und ölig. Sein Aroma ist sehr sauber. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Broadleaf einen aggressiven, kräftigen Rauch ergibt, ist er eigentlich medium. Man zieht ihn auch in der Dominikanischen Republik, in Honduras oder Nicaragua, und in jedem dieser Gebiete sind Aromen und Stärke natürlich unterschiedlich.“ Hendrik Kelner, Master Blender und Managing Director von Davidoff in der Dominikanischen Republik, sieht das so: „Für mich ist Broadleaf medium bis kräftig. Man hat versucht, diese Variante auch außerhalb der Vereinigten Staaten zu pflanzen, aber mit bescheidenem Erfolg. Die organoleptische Charakteristik und die Dicke der Blätter basieren auf der Beschaffenheit des Bodens und der Klimabedingungen, wie sie (im Sommer) im Nordosten der USA vorherrschen.“ Und weiter: „Broadleaf wird für Deckblätter gepflanzt, aber mit geringen Erträgen besonders in den unteren Lagen, die dann als Umblatt und Einlage verwendet werden. Seine Charakteristik ist süß und mittelkräftig am Gaumen, er brennt gut und entwickelt eine weiße Asche.“ Christian Eiroa von Camacho teilt weitgehend Hendrik Kelners Meinung: „Ich mag das Aroma von Broadleaf aus den USA. Derselbe Tabak aus anderen Ländern ist nicht so gut wie das Original aus dem Connecticut Valley. Bei Camacho verwenden wir Broadleaf eigentlich nicht mehr, weil die Ausbeute gering und der Tabak daher recht teuer ist.“ Karlheinz Diekmann, Leiter für Rohtabakeinkauf bei Villiger Söhne, schätzt: „Abhängig von der Ernte und dem Können des Farmers können zirka 20 bis 30 Prozent als Deckblätter für Premiumzigarren verwendet werden, weitere 20 bis 40 Prozent von etwas geringerer Qualität als Deckblätter für maschinengefertigte Zigarren. Was übrig bleibt sind Umblätter und Einlage. Broadleaf gibt ein ausgezeichnetes Umblatt für Premiumzigarren. Wir verwenden den Tabak zum Beispiel als Deckblatt für die Schweizer Marke Habana Feu.“
ZURÜCK IM FELD
„Eine Schönheitskonkurrenz gewinnen die eher kleinwüchsigen Stauden wahrscheinlich nicht“, führt Daniel Núñez weiter aus, und Karlheinz Diekmann ergänzt: „Dieser Sun Grown-Tabak wird mit einer niedrigen Pflanzenpopulation pro Flächeneinheit gezogen, um der Pflanze zu erlauben, große und schwere Blätter zu entwickeln. Außerdem bedarf es anderer Düngemittel als beim Shade Grown.“ Gefürchtet sind Schädlinge wie der Blauschimmel und ein Pilz namens Brown Spot, die können ganze Felder binnen Tagen vernichten. Kritisch wird es im Sommer: „Wir sagen, der August macht den Tabak.“ Hendrik Kelner hält es für erwähnenswert, dass die Sommertage im Connecticut Valley durchschnittlich 16 Sonnenstunden zählen. „Diese Bedingungen für reichlich Photosynthese ergeben dickere Blätter mit größerer Stärke in den oberen Lagen der Pflanze. Sie halten auch einem längeren Fermentationsprozess bei höheren Temperaturen stand. So werden die Blätter in einem natürlichen Prozess dünkler.“ „Eine Broadleaf-Ernte verläuft anders als bei anderen Tabaksorten“, weist Daniel Núñez auf eine Besonderheit hin: „Es ist eine Ganzstamm-Ernte (stalk cut), die Pflanze wird sieben bis acht Zentimeter über dem Boden abgeschnitten und kommt so in die Trockenscheune, anstatt Blatt für Blatt zu ernten.“ Die Ernte erfolgt drei bis vier Wochen nach dem „topping“ der Pflanze, das heißt, dass die Tabakblüte entfernt wird, so dass 12 bis 14 Blätter pro Pflanze verbleiben. Die Tabakstauden werden, nachdem sie ein paar Tage auf dem Feld gewelkt haben, auf Holzstangen aufgespießt und kopfüber luftgetrocknet (air cured). Nach zirka sechs Wochen werden die Blätter vom Stamm genommen und sind bereit für die Fermentation. Karlheinz Diekmann: „Sie werden dann in sechs Klassen sortiert, zu Büscheln (hands) von zirka 20 bis 25 Blättern gebunden und in Holzboxen zu je 160 Kilogramm gelegt. Die Boxen kommen für sechs Wochen in einen Schwitzraum (sweat room) bei bis zu 46° Celsius (115° Fahrenheit). Nach einer Abkühlungsperiode kommt der Tabak für sechs bis acht Monate in Kartons zur Reifelagerung.“ Dann ist der Fermentationsprozess aber erst zu drei Viertel beendet. Wenn der Zigarrenhersteller den Tabak nach Jahren zu verarbeiten beginnt, startet er eine zweite Fermentation, bis der gewünschte Reifegrad erreicht ist. Es ist die Kunst des Fermentationsmeisters, die höchste Qualität und den einzigartigen Stil des Broadleaf-Tabaks herauszuarbeiten. Daniel Núñez: „Wenn man Maduro-Deckblätter bekommen will, müssen die Blätter eine viel intensivere Fermentation mit höheren Temperaturen durchmachen.“ Nick Perdomo schätzt Broadleaf für sein mächtiges und erdiges Aroma. „Meiner Meinung nach ist er ein kräftiger Tabak, wunderbar für Umblätter. Unser Cuban Seed Sun Grown aus Nicaragua hat neben dem kräftigen Aroma auch eine schöne Süße, und er ist sanft am Gaumen.“ Broadleaf findet sich in preiswerten maschingefertigten Zigarren wie den Backwoods von Altadis bis zu Meisterwerken wie der Macanudo Gold Label, der Oliva Master Blend 3, der Rocky Patel Vintage Signature, der Carlos Toraño Signature, Griffin’s Maduro 500, der Tatuaje Gran Cojonú Reserva oder der Arturo Fuente Hemingway Between the Lines.
ZANDBLAD – TEURER ALS SILBER
Zandblad ist die niederländische Bezeichnung für das Sandblatt – die unterste Ebene der Tabakpflanze. Sie gedeiht dicht über nährstoffreichem, vulkanischem Boden. Der Wind „bestäubt“ das Blatt mit feinstem Sand, der leicht funkelt, wenn man die Blätter gegen das Licht hält. Da das Sandblatt durch den oberen Teil der Pflanze beschirmt wird, wächst es komplett im Schatten. So hat es eine feine, zartseidige Struktur und einen sanften Geschmack. Heutzutage ist dieser Schatz fast eine Rarität geworden. Das feinste Deckblatt für eine Zigarre ist zweifelsohne das Sumatra-Sandblatt. Die seltene Tabaksorte wird nur in äußerst geringen Mengen angebaut und deshalb auch als „weiß brennendes Gold“ bezeichnet. Diese Bezeichnung entspringt nicht dem Zufall, denn ein Kilogramm Sandblatt ist teurer als ein Kilogramm Silber. Einer der besten Kenner dieser zarten, würzig-pfeffrigen Provenienz ist Thomas Klaphake, Direktor der Zigarrenmanufaktur De Olifant in Kampen, Holland: „Unsere Zigarren und Zigarillos aus Brasil-, Kuba- und Javatabaken mit Java-Besuki-Umblatt werden mit dem kostbaren Deli-Sandblatt aus Sumatra gedeckt.“ Dieses Sumatra-Sandblatt findet man auch auf Kleinzigarren von Davidoff, den Gold Seal Zigarillos von Djarum, der Cardenal Mendoza oder den Zigarren und Cigarillos von Justus van Maurik.
DER GRÜNE CANDELA
Auf der anderen Seite des Globus, in Mittelamerika, wird der grüne Candela-Tabak hergestellt. Hersteller von Premiumzigarren mögen ihn in der Regel nicht so sehr. Aber seine originelle Farbe hat besonders in den USA ihre Anhänger. Daniel Núñez erklärt warum: „Candela ist grün, weil während des Trocknungsprozesses das Chlorophyll im Blatt fixiert bleibt, solange die Blätter noch sehr grün und frisch sind. Candela Deckblätter werden viel früher als andere Blätter geerntet; sie sind jünger und dünner. Außerdem wird Candela rascher getrocknet.“ Nestor Andres Plasencia, der Candela in Honduras anbaut, konkretisiert das: „Bei ausgewählten, dünnen Blättern vom ersten Priming fixieren wir bei hohen Temperaturen in den Trockenscheunen das Chlorophyll, also das grüne Pigment im Blatt. Wir beginnen bei 38° C (100° F) und hören bei 66° C (150° F) auf. Dieser Prozess dauert 48 bis 52 Stunden nach der Ernte. „Normaler“ Zigarrentabak reift und trocknet in 30 Tagen. Nach der Trocknung ist der Tabak so trocken, dass wir wieder Feuchtigkeit zufügen. Später bringen wir die Blätter zur Selektion. Danach können sie schon als Deckblätter verwendet werden.“ Für Daniel Núñez ist wichtig festzuhalten: „Beim Candela findet überhaupt keine Fermentation statt. Er ist frisch, und die Konzentration an Nitrat und Ammoniak ist höher. Das Aroma ist grün, frisch, grasig. Die Stärke richtet sich nach dem Ursprungsland – zum Beispiel ist Tabak aus Nicaragua stärker als aus Ecuador. Derzeit produzieren, soweit ich weiß, die Länder Ecuador, Honduras und die Dominikanische Republik Candela. Da bestehen leichte Unterschiede in Farbe und Geschmack.“ Nick Perdomo mag Candela nicht: „Vor Jahren war Candela in den Vereinigten Staaten sehr populär. Heute wird er meist für maschinengefertigte Zigarren verwendet. Das Aroma trifft nicht meinen Geschmack. Er hat einfach keine Kraft. Daher verwenden wir ihn nicht.“ Einem, dem Candela allerdings besonders schmeckt, ist der gefürchtete Tabakkäfer Lasioderma serricorne. Nestor Plasencia findet: „Candela hat ein toastiges Aroma, der Geschmack ist neutral, so dass man sich bei der Komposition einer Zigarre auf Umblatt und Einlage konzentriert. Candela ist mild bis medium und hat einen sauberen Nachgeschmack.“ Und Daniel Núñez: „Candela brennt langsamer und hat meist eine nette weiße Asche. Er wird seltener im Premiumbereich verwendet, und die Nachfrage hat in den letzten beiden Jahrzehnten nachgelassen.“ An Candelas fallen mir ein: Eine Candela aus der Blanco-Serie von Kohlhase & Kopp (Deutschland), die Altadis in der Dominikanischen Republik fertigt, die Flor de Jalapa oder die Arturo Fuente Spanish Light Candela. Auch der Innovator Dion Giolito experimentiert mit Candela. Das Schöne am Zigarrenrauchen ist: Man kann, während man dem Rauch nachblickt, in Gedanken die ganze Welt umrunden. „Lass den Tabak zu dir sprechen“, hat mir Daniel Núñez mitgegeben … und „wenn der Tabak lächelt, kannst du es förmlich sehen.“
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