
Klein, fein, aber ganz schön oho!
Text: Isabella Benda / Fotos: Gusti Kehl
Mit einer irrigen Annahme sei hiermit ein für alle mal aufgeräumt: zur Schaffung eines Imperiums bedarf es nicht zwangsläufig der räumlichen Ausdehnung, wie es einst Julius Caesar vormachte. Man kann auch auf 20 Quadratmetern ein kleines Weltreich entstehen lassen, zum Beispiel eines für Tabak. Das Fachgeschäft Tabaklädeli in Zürich feiert sein 30-jähriges Bestehen und ist heute über die Grenzen der Schweiz hinaus Inbegriff für Raucheinkauf der ganz besonderen Art.
Die Storchengasse in der Altstadt von Zürich ist eine noble Einkaufsmeile. Eine Designerboutique reiht sich an die nächste. Kleine und größere Vermögen sind hier schnell in Haute Couture investiert. Der Vollblut-Aficionado weiß aus eigener Erfahrung, dass man ein ebensolches auch leicht beim Zigarreneinkauf ausgeben kann. Allzu genussreich sind die Verlockungen, die alsbald in Rauch aufzugehen pflegen. Und wo könnte man besser dem Zigarren-Kaufrausch verfallen als im vermutlich kleinsten, aber bestsortierten Tabakfachgeschäft im deutschsprachigen Raum: Rahel & René Wagners Tabaklädeli. Eingequetscht zwischen all den Luxuslabels wird seit nunmehr 30 Jahren die Tabakkultur in all ihren Facetten hoch leben gelassen. René Wagners Eltern übernahmen 1974 das Mini-Ladenlokal, seit 1985 führt René Wagner, der einstmals eine Karriere als Leistungssportler anstrebte, die Geschäfte. Dieser Zeit trauert er keineswegs nach, hat er doch nun den Beruf, der ihm Spaß macht: „Mir gefällt das breitgefächerte Spektrum der Tabakwelt. Da gibt es auf der einen Seite die Welt der Zigarre mit all ihren dazugehörigen Accessoires und Utensilien, auf der anderen Seite die Pfeife, ihre Tabake usw. Und im direkten Kontakt mit den Kunden erlebe ich die Genusswelt des Tabaks jeden Tag als neues Abenteuer.“
Pfeifen, die die Welt bedeuten Das Tabaklädeli hat Kunden aus aller Welt und wer zum ersten Mal den Laden betritt, wird in Staunen versetzt sein, wie man auf so wenig Fläche so viel vom Allerfeinsten anbieten kann. Das beginnt bei einer unfassbaren Markentiefe und -breite in Sachen Zigarre (eine Liste ist unter www.wagner-tabak-laedeli.com einsehbar), geht weiter über eine unglaubliche Kollektion bester Pfeifentabake bis hin zu Pfeifen der besten Künstler dieses Genres (siehe dazu Bericht „Das Gipfeltreffen der Pfeifenmacherelite“). Heute verkauft er Nordh, Chonowitsch, Ivarsson und Micke-Stücke in die ganze Welt – ein kluger Schachzug, der in den frühen 80ern seinen Ursprung hat. „Meine Eltern führten damals ein riesiges Sortiment an Tabakpfeifen. Wir hatten kaum Platz, sie alle auszustellen. Also begann ich diese Marken genau unter die Lupe zu nehmen: Herkunft, Machart, Qualität, Holz, Verarbeitung, Reparaturservice....“ Er setzte sich aufs Motorrad und machte sich auf gen Dänemark, um dort die bekannten Pfeifenfabriken und -designer abzuklappern und sich ein genaueres Bild von der Szene zu machen. So lernte er Jess Chonowitsch kennen: Sympathie nicht nur auf den ersten, sondern auf viele weitere Blicke. „Er war der erste Pfeifenmacher, der mir in seiner Werkstatt erklären konnte, warum er gewisse Sachen so macht und nicht andersrum. Bei ihm hat alles im Pfeifenbau einen logischen Grund“, zeigt sich Wagner auch heute noch restlos begeistert und überzeugt. Durch Chonowitsch kam es auch zur Bekanntschaft mit den drei anderen Doyens des Pfeifenbaus, die heute exklusiv im und durch das Tabaklädeli weltweit abgesetzt werden. Aus seiner persönlichen Affinität zum Pfeifengenuss macht er kein Geheimnis, so veredelt er zum Beispiel höchstpersönlich die dänische Haustabakmischung No. 375 oder entspannt sich mit Dark Star von McClelland.
Keine Kompromisse Kompetente Beratung, Service am Kunden und Freundlichkeit stehen an oberster Stelle. Da fährt die Eisenbahn drüber: „Wenn meine Frau Rahel und ich etwas machen, dann mit 100% Engagement oder wir lassen es.“ Wichtig ist ihm auch, den Spagat zwischen Tradition und Innovation optimal hinzubekommen: „Unser Auftreten fällt sicherlich in die Kategorie traditionell. Wenn es ums Geschäftsleben oder rund um das Thema Tabak geht, da sind wir stets am letzten Stand“. Die Vorgänge in der Branche beobachtet er sehr genau, wenngleich er keine wirklichen „News“ orten kann: „In irgendeiner Art war das alles schon einmal da. Einmal sind Pfeifen mit Bambus en vogue, dann die gebogenen Pfeifen oder die klassischen Formen. Anderes Beispiel: wenn heute in Nicaragua boxpressed Zigarren gemacht werden, ist das ein schönes Revival dessen, womit die Kubaner schon in den 30er Jahren die Raucher ,beglückt’ haben. Heute werden die Produkte eben professioneller angeboten und beworben.“ Die Wagners gehen unbeirrt ihren Weg und haben das kleine Geschäft als Institution in dieser hart umkämpften Branche positionieren können. So lange ihnen die Arbeit Freude macht, werden sie im gleichen Stil weiter werken, ohne Kompromisse. Das wissen die Kunden und Partner zu schätzen. Als Leitspruch hat sich Wagner den Werbeslogan der Firma AEG – Aus Erfahrung Gut – umfunktioniert. AEG bedeutet für ihn: Anständig, Ehrlich, Geduld.
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