
Liebe ist vererbbar
Zigarrenunternehmen sind Familienunternehmen. Meistens jedenfalls. Puros Santa Clara S.A. im mexikanischen San Andrés Tal ist ein Paradebeispiel dafür. Seit Generationen geben die Väter ihr Wissen an ihre Kinder weiter. Die Liebe zum Tabak scheint vererbbar zu sein.
„Vater, ich möchte heiraten“, eröffnet der junge Octaviano dem Familienoberhaupt mit zaghafter Stimme. Nach kurzem Schweigen möchte der strenge Herr wissen: „Kenne ich sie?“ Der Sohn antwortet: „Ja, es ist Maria.“ „Und was hast du ihr zu bieten?“ „Nun, die Ernte scheint gut zu werden. Sie wird viel Geld einbringen.“ Der Alte bohrt weiter: „Wenn du eine Freundin hast, wann wirst du dann Zeit haben, dich um die Tabakfelder zu kümmern?“ „Gleich morgens. Täglich um sechs Uhr werde ich draußen sein“, beschwichtigt der junge Mann. „Und wann wirst du dein Mädchen sehen?“ „Um sechs am Abend, wenn ich auf dem Feld fertig bin.“ Der Vater überlegt und willigt ein: „Aber unter einer Bedingung. Geh’ morgens zu deiner Freundin und am Abend aufs Feld.“ Octaviano heiratete nicht – morgens um sechs war das Mädchen ungeschminkt und sah ihm nicht hübsch genug aus, und abends, nach dem prallen Sonnentag, ließen die Tabakpflanzen ihre Blätter hängen, also musste er sich mehr um seine Landwirtschaft kümmern. Jorge Ortiz Alvarez lacht herzhaft, wenn er sich an diese Anekdote aus dem Mund seiner Großmutter erinnert. Sie erzählte sie wieder und wieder. Octaviano Carrion war ihr Bruder; es wurde ein äußerst erfolgreicher Tabakbauer aus ihm. „Keine Ahnung, ob diese Geschichte wirklich stimmt“, zweifelt er, „aber sie verdeutlicht, wie eng wir Tabakleute mit unserem Beruf verbunden sind.“ Jorge Ortiz weiß, wovon er spricht. Tabak ist sein Leben. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater stammen aus Tabakfamilien. Nie wäre ihm eingefallen, etwas anderes zu tun. Und seinem Sohn Jorge jun. ist dieselbe Laufbahn vorgezeichnet.
Einträgliche Wurm-Sammlung Im zarten Alter von acht Jahren startete Klein-Jorge eine grundlegende Ausbildung im elterlichen Unternehmen. „Meine erste verantwortungsvolle Aufgabe war es, allerlei Ungeziefer zu sammeln. Gegen Bezahlung, versteht sich. Ich kassierte für jeden vollen Glasbehälter. Natürlich war ich schlau genug, nur die fettesten Würmer einzusammeln. So wurden die Gläser am raschesten voll.“ Bis zum Ende des Teenager-Alters hatte er alle Stationen durchgemacht – von der Feldarbeit über die Trocknung, Fermentation, Verarbeitung usw. Der Vater sandte ihn nun nach Europa zur Tabakbörse nach Bremen, zu Auktionen nach Paris. Alle Aspekte des Handels wollte der aufstrebende Ortiz von der Pieke auf erlernen, bis er schließlich mit 25 seine eigene, kleine Firma mit drei Angestellten gründete: Puros Santa Clara. In den ersten drei Jahren kaufte Jorge Ortiz die Tabake ausschließlich vom Vater zu, und zwar vornehmlich jene, die am Markt wenig ertragreich waren. Die Qualitäten seiner Zigarren schwankten entsprechend. „1970 habe ich aber meine gesamten Ersparnisse zusammengekratzt und das Beste vom Besten gekauft. Wunderbare Tabake, die ich jahrelang reifen habe lassen. Seither gehe ich beim Tabakeinkauf keine Kompromisse mehr ein.“ Die eigene Familie zählt jetzt auch wieder zu den Lieferanten, „schliefllich haben wir alle über die Jahrzehnte viel dazu gelernt“. Armando Carrion, ein Verwandter mütterlicherseits gehört ebenso dazu wie Ortiz's Brüder Fortino und Miguel sowie der Schwager Gaston Rodríguez. Die Zusammenstellung neuer Blends bewältigt Jorge Ortiz dank seiner internationalen Erfahrung im Tabakhandel mit viel Geschick und Umsicht. Deckblätter aus den USA und Ecuador, Filler aus der Dominikanischen Republik wählt er aus. Auch aus Nicaragua und Honduras will er bald Tabake für neue Serien besorgen.
Ein neues Produkt – jedes Jahr Ortiz: „Ich habe mich dazu entschlossen, jedes Jahr ein neues Produkt auf den Markt zu bringen.“ 2002 war es die Santa Clara Special Edition, ein Jahr darauf die Santa Clara Gran Reserva. „Beides großartige Erfolge“, freut sich der Geschäftsmann, „die Gran Reserva war 2003 sogar unsere meist verkaufte Zigarre.“ Unter der Capa Fina-Decke (Rosado claro) verbirgt sich eine Einlage aus Piloto Cubano (Dominikanische Republik) und aus dem San Andres-Tal, umhüllt von San Andres Morron Reserva – alles hervorragende Tabake aus dem Erntejahr 1999 und liebevoll verpackt in einer matt-schwarzen Humidorbox samt Hygrometer. Daneben bleiben die Standard-Linie namens Santa Clara 1830 sowie die Labels Aroma de San Andres und Ejecutivos natürlich im Programm. Und was wird es heuer Neues geben? Der Zigarrenprofi ziert sich: „Also gut. Es wird die Santa Clara Cabinet. Aber mehr kann ich jetzt noch nicht verraten...“ Puros Santa Clara S.A. ist seit seiner Gründung im Jahre 1967 ein Familienbetrieb geblieben, aber zum zweitgrößten Zigarrenproduzenten Mexikos geworden. 195 Angestellte zählt das angesehene Unternehmen mit eigener Tischlerei für Zigarrenboxen heute. Der Output von rund vier Millionen Stück pro Jahr wird etwa zur Hälfte in Mexiko selbst abgesetzt, Liebhaber der Santa Clara finden sich aber in allen Erdteilen. Asien ist mit rund 850.000 Stück der größte Exportmarkt, gefolgt von den USA, Europa, Kanada, Lateinamerika und Australien. Jorge Ortiz: „Es ist schon ein hartes Brot, eine Zigarrenmarke weltweit bekannt zu machen. Das Wettrennen um den Aficionado ist ein steter Kampf. Andererseits gibt es nichts Schöneres, als in irgendeiner entlegenen Weltgegend einen Tabakshop zu betreten und deine eigenen Zigarren im Regal zu finden.“
Familien-Netzwerk Gemeinsam mit der Verwandtschaft und vor allem mit seinen drei Kindern hat Jorge Ortiz ein kleines, aber feines Netzwerk aufgebaut, in dem jeder Einzelne zum Gesamterfolg beiträgt. „Meine älteste Tochter, Carolina Elisabeth, hat in eine Zigarrenfamilie eingeheiratet. Sie produziert eine Marke namens Miranda. Trotzdem ist sie mit mir und Puros Santa Clara eng verbunden und hilft regelmäßig bei der Entwicklung neuer Kollektionen“, freut sich der Familienmensch. „Auch Gabriela, die Zweitälteste, nimmt großen Anteil am Familienbetrieb. Sie lebt in Kanada und hilft beim e-Marketing.“ Ab dem kommenden Jahr soll der einzige Sohn, Jorge jun., den Vater Schritt um Schritt im Betrieb entlasten: „Er ist Computerfachmann und bemüht sich darum, Puros Santa Clara ins elektronische Zeitalter zu führen. Die Tischlerei hat er schon geleitet und bald wird die Zigarrenproduktion folgen. Zur Zeit studiert er aber Sprachen in Deutschland, kann Englisch und etwas Japanisch. Französisch möchte er ebenfalls erlernen.“ An den Ruhestand denkt der 61-Jährige schon, aber was wird ein Zigarren-Veteran von seinem Kaliber in der Rente wohl machen? „Nun, ich kann meine Zigarren dann etwas gemütlicher genießen. Ansonsten werde ich mich wohl mehr dem Fermentationsprozess unserer Tabake widmen, der Tabakauswahl und vielleicht etwas mehr dem Export.“ Da hat er sich wohl verraten, der Senior Jorge Ortiz. Klingt nicht wirklich nach Ruhestand.
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