
Ein Name steht für Qualität
Text: Marian S. Sucha / Fotos: Marian S. Sucha
„El Laguito” – ein Name, der bei Aficionados nicht selten strahlende Augen und Verzückung hervorruft. Keine andere Zigarrenfabrik in Kuba ist so exklusiv. Das kubanische Zigarrenheiligtum, Heimat der weltberühmten Cohiba-Marke, befindet sich in Havannas Miramar, einem Stadtteil mit prunkvollen Villen und Residenzen, in denen heute meistens Konsulate, Geschäftsvertretungen sowie Regierungsstellen untergebracht sind. El Laguito ist in vieler Hinsicht eine außergewöhnliche Zigarrenfabrik.
Auf einem kleinen Hügel inmitten des gleichnamigen Diplomatenviertels, umgeben von hohen königlichen Palmen befindet sich ein imposantes Maison im italienischen Stil mit gelb getönten Mauern, roten Dachziegeln und mit einer monumentalen Treppe aus Marmor – El Laguito. Das fürstliche Haus gehörte einst dem Marquis von Pinar del Rio. Nach der revolutionären Machtübernahme (1959) wurde es zunächst zu einer Schule für Torcedores, und dann 1967 zum Königreich einer Hundertschaft Tabakarbeiter. Entsprechend dieser fürstlichen Kulisse werden hier die besten und teuersten Tabaksorten Kubas zu Zigarren gerollt, die zum Besten der Welt gehören. „Hier direkt vor Ihren Augen befindet sich die neue Geschichte Kubas”, erklärt uns Emilia Tamayo, eine joviale Fünfzigerin, die Chefin der legendären Zigarrenfabrik. „Es ist die Marke Cohiba, gedreht aus den besten Tabakblättern, die unsere Fabrik so berühmt gemacht hat.” Nach einer Legende wurde El Laguito zu einer Tabakfabrik als der große Revolutionär Che Guevara die Kreation einer Nachrevolutionszigarre angeregt hatte, die – wie denn anders – alles übertreffen sollte, was vorher produziert worden war. So soll das Nonplusultra namens Cohiba entstanden sein, mit dem bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ausschließlich ausländische Würdenträger, Regierungsbesuche und Diplomaten beschenkt wurden. Eine andere Legende erzählt, dass Anfang der 60er Jahre einer der Bodyguards von Fidel von einem befreundeten Zigarrenmacher einige Bündel besonders guter Zigarren bekommen hatte, die auch dem Comandante sehr gefielen. Der Zigarrenmacher, sein Name war Eduardo Rivera, sollte dann den Auftrag bekommen haben, unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen eben in der Abgeschiedenheit dieses italienischen Palais, Zigarren für Castro zu rollen. Wie dem auch sei, die Zigarren, die erst 1982 den Aficionados frei zugänglich gemacht wurden, werden hier offiziell seit 1968 gefertigt. Nicht nur das Gebäude und die Marke, auch die Chefs haben hier Geschichte geschrieben: Eduardo Rivera Irizarri, der erste Direktor von El Laguito während der 60er Jahre und der Federführende bei der Entwicklung der Cohiba. Sein Nachfolger Avelino Lara, mehr als zwei Jahrzehnte Direktor, hatte aus Laguito die Vorzeige-Fabrik gemacht. Seine Tabakkenntnisse und Rollertechniken sind heute schon legendär für die Industrie. Bis zu seiner Pensionierung in 1994 hatte er den Slogan für die Marke angegeben: „Cohiba ist die Auswahl der Auswahl” („Cohiba is the selection of the selection.”) Emilia Tamayo, die heutige Chefin seit 1975 dabei. Sie lief verschiedene administrative Posten durch, bevor sie schließlich 1995 zur Nachfolgerin des pensionierten Direktors Lara wurde. Sie kennt die Fabrik in- und auswendig. Bereits nach dem Überschreiten der Eingangspforte glaubt man sich in einer exotischen Welt mit unzähligen Düften und Aromen. Sie beginnen mit den üppigen Pflanzen und Blumen der tropischen Gartenanlage, die das Palais mit den angebauten Lager- und Sortierhäusern umgeben. Der Besuch in der Vorzeigefabrik ist übrigens nur Delegationen und Auserwählten vorbehalten – im Unterschied zu anderen Habano-Manufakturen darf hier die Produktion nicht durch Touristen-Besichtigungen gestört werden. Eine Besonderheit von El Laguito, die sofort auffällt, ist die räumliche Gliederung des Arbeitsprozesses. Ein Palais ist gewiss keine Fabrik und so sind die einzelne Produktionsabschnitte nicht funktionell, sondern den Räumlichkeiten entsprechend gegliedert. Es geht hier also mal herauf, dann um die Ecke oder wieder die Treppe herab... Hinter dem Hauptgebäude befinden sich Lagerhäuser und eine kleine Halle, wo die Tabakblätter befeuchtet und anschließend im sogenannten „rezagado” auf den Schenkeln der Mulattinnen entrippt (das Entfernen des mittleren Stengels) und nach Größe und Farbe vorsortiert werden. Bereits hier bekommt man einen Vorgeschmack auf die öligen Düfte der frisch angefeuchteten Tabakblätter. Ein ziemlich häusliches Ambiente herrscht hier übrigens, die Arbeiterinnen haben Blumen oder ihre persönlichen Andenken ja, sogar Fetische der afrokubanischen Religion Santeria um sich, manch eine raucht eine Zigarre, ab und zu stimmt die Brigade zu einem Bolero ein. Hinten in der Halle werden die Tabakblätter aus den mit Bananenblättern umwickelten Ballen ausgepackt und befeuchtet, um sie für die Weiterverarbeitung wieder elastisch und geschmeidig zu machen. Diese „sacudida de gavilla” bzw. „casing” (engl.) wurde bis vor einigen Monaten traditionell mit der Hand gemacht. Bei El Laguito wird uns eine Neuigkeit vorgestellt: die Befeuchtung der Tabakblätter wird in einem zusammen mit den Niederländern entwickelten Glaskasten maschinell, d.h. wesentlich schneller und gründlicher ausgeführt. Aber zurück in das Hauptgebäude zu den verführerischen Tabakdüften der frischgerollten Zigarren. Hier gruppieren sich um eine imposante Treppe mit bunt verzierten Glasfenstern vier Räume mit Zigarrenrollern. Ein gemischtes Publikum, das man hier antreffen kann. Doch die jüngeren, kaneel- bis schokoladehäutigen Frauen gekleidet in den Traditionsfarben von Cohiba, in schwarz und gelb, überwiegen.
Ein staatlicher „Familienbetrieb” In der Eingangshalle des Hauptgebäudes, neben der Treppe, befindet sich, umgeben von Bannern und Auszeichnungen, der Platz des Vorlesers, in Kuba gleich einer Institution. Vor einer antiken Mikrofonanlage liest eine ältere schwarze Frau mit dicker Brille der Belegschaft Kommentare aus der KP-Zeitung Granma, danach folgt ein Kapitel aus den Drei Musketieren. Über ihren Schultern schaut von einem großen Bild Genossin Celia Sánchez, Revolutionsdame und persönliche Freundin von Fidel Castro. Auf ihre Initiative soll die Gründung der Torcedore-Schule zurückgehen. Celia soll damals den Maximo Lider davon überzeugt haben, auch Frauen in diesem Beruf auszubilden – in einem Beruf also, der vor der Revolution den Männern vorbehalten war. Frauen und weibliche Familienmitglieder der Bodyguards von Fidel und seiner führenden companeros sollten hier als die ersten diesen Beruf erlernt und für den einwandfreien täglichen Nachschub gesorgt haben. Männer arbeiten übrigens erst seit 1994 als Torcedores in El Laguito. El Laguito galt nicht nur als das Arsenal für Fidel und den engen Kreis seiner zigarrenrauchenden Mitkämpfer, sondern zugleich als die beste Schule der Zigarrenroller auf Kuba. Unter den Palmen, in einem der Nebengebäude befindet sich auch heute die Schule für Torcedores. Hier lernen die jungen Talente während neun Monaten ihr Handwerk. Die hier gefertigten Zigarren, durch Ausbilder gründlichst auf Fehler untersucht, gehen jedoch nicht zum Verkauf. Sie werden nur für den internen Gebrauch benützt. Die Fabrikarbeiter dürfen Familienmitglieder empfehlen, die hier als Torcedor-Lehrlinge anfangen können. Bei El Laguito scheint es auch sonst noch recht familiär zuzugehen: Jorge Tizon Delgado, der Ehegatte von Tamayo, ist hier verantwortlich für die Technologie der Tabakblätter. Nicht nur die Tamayos, auch der Produktionsleiter mit Frau und Sohn sowie weitere (Ehe-)Paare und sogar Enkelkinder gehören zur großen Laguito-Familie – eine Entwicklung, die nach der Chefin zur Verbesserung der Qualität und Arbeitsmoral führe.
Die Zigarren Drei Zigarrentypen wurden bei Laguito immer gerollt: Es handelt sich um die langen eleganten Cohibas, die Fidel in seinen jüngeren Jahren liebte. Hier in der Fabrik heißen sie schlicht No. 1, No. 2 und No. 3, auf dem Markt kennt man sie unter Lancero (38/7.5"), Corona Especial (38/6") und Panatela (26/4.5"). Die Exquisito (36/5"), eine andere vitola wie man auf Kuba sagt, wurde um 1985 eingeführt. Zu diesen ursprünglichen 4 vitolas kamen später die Robusto und Espléndido sowie die Cohiba-Linie Siglo (1 bis 6) hinzu. Sie alle tragen zwar den Namen Cohiba, werden aber in verschiedenen Fabriken in und außerhalb Havannas gefertigt. Die exklusive Trinidad, benannt nach Kubas schönstem Kolonialstädtchen, hatte 1986 die Cohiba als Protokollzigarre abgelöst. Ausschließlich für diplomatische Geschenke reserviert, wurden nur wenige Schachteln dieser Marke monatlich produziert. Für Aficionados ist sie seit 1998 erhältlich. Etwa 300.000 Trinidads wurden hier jährlich für den Markt gerollt. Obwohl El Laguito als die Wiege der Cohiba gilt, ist die Fabrik mit ihren etwa 100 Arbeitern viel zu klein, um alle 12 vitolas, die heute zur Marke Cohiba gehören, fertigen zu können. Gegenwärtig werden in El Laguito auch die neuesten Cohiba Robusto 3 gerollt sowie die neuen Trinidad. Darüber hinaus werden hier Spezialanfertigungen für besondere Anlässe und Limited Editions gerollt wie z.B. Cohiba Gran Corona für die Humidore, die beim Festival Internacional del Habano versteigert werden, also insbesondere Sammlerstücke. Man möchte in El Laguito am liebsten die ganze Cohiba-Linie herstellen – die Pläne dafür lägen laut Frau Direktor bereit – dies wird aber auch in den nächsten Jahren (noch) nicht möglich sein: „Das Gebäude ist einfach zu klein und wir dürfen dieses historische Denkmal nicht so einfach verändern.” Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Hürde: es fehlt an hochqualifizierten Zigarrenmachern.
Größte Verpflichtung: Qualität „In El Laguito bekommen wir nur das Allerbeste”, sagt Tamayo, „die besten Blätter aus den ausgewählten Fincas. Mit etwa 85 Torcedores werden hier um die zwei Millionen Zigarren jährlich gefertigt. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Torcedores die Bedeutung der Qualitätsnormen einzuprägen und sich täglich für die beste Qualität der zu fertigenden vitolas einzusetzen.” Im rechten Flügel des Palais schauen Che und Fidel, beide überlebensgroß, von der Wand zu, wenn etwa sechs Kontrolleure die zu 50 Stück gebundenen und mit der Nummer des Tabakrollers versehenen Bündel auf Gewicht, Länge und mit einer Lochplatte auf das richtige Durchmesser sowie optisches Aussehen überprüfen. „Wird in einem Bund nur eine einzige Zigarre beanstandet, so wird die ganze Tagesproduktion dieses Torcedors unter die Lupe genommen”, sagt Normita Fernández, Chefin der Qualitätskontrolle, die gerade eine vitola aufschneidet, um zu prüfen, ob der Filler richtig gewickelt ist. Alles wird in die Begleitlisten eingetragen, um mögliche Mängel zurückverfolgen zu können. Nachdem sie diese Kontrolle passiert haben, werden die Cohibas, sozusagen als Belohnung, ein paar Treppchen höher gestuft: im ersten Stock des Palais befindet sich die Farbsortierung. In Reih und Glied liegen auf dem Tisch die farblich vorsortierten Zigarren, um sie noch weiter farblich zu möglichst einheitlichem Ton für die jeweilige Schachtel auszusortieren – eine enorme Herausforderung, die besonders scharfen Blick und Farbgefühl erfordert. Die besten Farbexperten können etwa 64 verschiedene Farbtönungen der Tabakblätter unterscheiden. Die hiesige Koryphäe Luis Camejo, hatte ein Auge wie kein anderer: Mit seiner 50-jährigen Praxis konnte er sogar bis zu 80 Shades unterscheiden und galt als der beste Farbsortierer Kubas. Seit 1967 arbeitete Luis in der Vorzeigefabrik bis er 2002 pensioniert wurde. Nach der Farbsortierung werden die Zigarren mit dem entsprechenden Ring, Anillo, versehen und in Schachteln abgepackt. Zigarren, die hier z.B. wegen optischer Mängel nicht den Sprung über die Qualitätshürde schaffen, werden in etwas altmodische Pappschachteln verpackt und für die Mitglieder der Kubanischen Volksversammlung freigehalten.
Auf dem Wege zur Perfektionierung Qualitätskontrolle wurde auch durch die Einführung der Luft-Zugtester verbessert. Sechs Maschinen überprüfen seit etwa einem Jahr die Handgerollten auf Zugqualität. Stichprobenartig geschieht dies, noch bevor die vitolas mit dem Deckblatt übergerollt werden, um bei eventuellen Qualitätsmängeln durch zu fest gerollte Zigarren dem Verlust dieses so wertvollen Deckblattes zuvorzukommen. Diese halbautomatische Qualitätskontrolle mit Zugprüfgeräten (drawmaster), eingeführt von Mitinhaber Altadis wurde zum Meilenstein der Habano-Manufakturen, die seit Jahrhunderten ohne Maschinen auszukommen schienen.... Nicht immer war El Laguito die besonders kontrollierte und qualitätsbewusste Manufaktur. Der große Zino Davidoff benützte Laguito ab 1969 zwanzig Jahre lang für seine No 1 und No 2 und auch die Ambassadrice. Er liebte den Platz so, dass er El Laguito in seinen Werbepublikationen als die „Davidoff Manufaktur” bezeichnete. Die Produktion steigerte sich hier bis zu einer Million Davidoff von insgesamt drei Millionen Zigarren per Jahr. Dann kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Davidoff und Cubatabaco über die gelieferte Qualität. Auf dem Höhepunkt des Streits, unter Assistenz französischer TV-Medien, hatte der Connaisseur als Demonstration über 130.000 in Kuba gefertigte Zigarren verbrannt. Schlechte handwerkliche Qualität (aber auch angebliche Schwarzmarktverkäufe) haben 1991 schließlich zur Scheidung geführt. Davidoff ging zu Nachbarn in die Dominikanische Republik und obwohl man immer wieder über seine Rückkehr nach Kuba spekulierte, ist es nie mehr dazu gekommen. Laguito war übrigens Davidoffs beliebteste aber nicht die einzige kubanische Fertigungsstätte: La Corona in Havanna, gehörte – mit gleichen Troubels – auch dazu. An diese Zeiten möchten die Kubaner lieber nicht erinnert werden – „wir tun alles dran, damit die Qualitätsprobleme der Vergangenheit angehören”.
Uniformen für den königlichen Besuch Als 1999 während seines Besuches bei der Cumbre Iberoamericana (Lateinamerikanisches Gipfeltreffen) der spanische König den Wunsch geäußert hatte, eine Tabakfabrik zu besichtigen, wurde er selbstverständlich nach El Laguito geführt. Und entsprechend dem hohen Besuch, haben die Arbeiter von der Regierung Arbeitskleidung bekommen – Uniformen, die farblich Parallelen zur Handelsmarke aufweisen, die sie hier produzieren: gelbes Hemd und schwarze Röcke bzw. Hosen, eine Errungenschaft, die es in keiner anderen kubanischen Zigarrenfabrik gibt. Inzwischen gibt es bei den Arbeitskleidern sogar eine „Limited Edition” – in Grauschwarz. Nach dem Besuch von Juan Carlos, dem spanischen König, haben wir nur noch einen Wunsch übrig, sagt die Frau Direktor: „Dass auch Fidel, unser Maximo Líder, uns einen Besuch abstattet.”
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