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KL

Der Genuss-Fabrikant

Text: Gastautor Sergey Drozdov (Zeitschrift Cigar Clan) / Fotos: beigestellt

Konstantin Loskoutnikov ist eine imposante Person.Und das nicht nur rein äußerlich. Nach dem Zusammenbruch der Sowietunion packte er seine sieben Sachen, ging nach Deutschland und gründete eine Schokoladefabrik. Mittlerweile beschert er nicht nur Naschkatzen schöne Stunden, sondern auch Aficionados. In der dominikanischen Republik und in Nicaragua werden seine Bossner Zigarren hergestellt – benannt nach seiner Urgroßmutter.

ECCJ: Sie haben einen russischen Namen, sind in Russland geboren und haben dort lange gelebt. Warum trägt dann Ihre Firma einen absolut nichtrussischen Namen?

KL: Das ist zu Ehren meiner Urgroßmutter mütterlicherseits. Sie hieß mit Nachnamen Bossner. Sie kam aus einer verarmten Adelsfamilie, die wegen finanzieller Schwierigkeiten gezwungen war, von Moskau in die Provinz Samara umzuziehen. Dort heiratete sie einen ortsansässigen Kleinbürger und nahm seinen Namen an – Zipin. So gab es keine Bossner mehr in Russland.

ECCJ: Sind Sie in Samara geboren?

KL: Nein, unsere Familie musste sich durch ganz Russland schlagen. Ich wurde in Norilsk geboren, wohin meine Großeltern verbannt wurden. Meine Mutter war knapp über siebzehn, als ich geboren wurde. Mein Vater war drei Jahre älter, seine Eltern waren ebenfalls Vertriebene. Als das Chruschtschjowsche „Tauwetter“ kam, ging meine Mutter mit ihren Eltern und mir nach Leningrad, der Vater blieb in Norilsk – er liebte jenes Land und wollte keinesfalls wegziehen. Unsere Familie zerfiel. Doch zu meinem Vater hatte ich immer die besten Beziehungen, im Jahre 1975 ging ich sogar zu ihm nach Norilsk. Ich arbeitete als Dreher, Mechaniker und wurde danach zum Stellvertreter des leitenden Ingenieurs im Betrieb. In Norilsk habe ich auch geheiratet, mein Sohn Artem wurde ebenfalls dort geboren. Ich ging auf das industriell-pädagogische Institut, eine Ausbildung, die ich jedoch nicht abschloss. Ich kehrte nach Leningrad zurück und wurde an der Leningrader Universität immatrikuliert.

ECCJ: So viel zu Ihrer Ausbildung. Sie waren aber schon von früh an geschäftlich sehr umtriebig...

KL: Meine ersten „Gehversuche“ machte ich in der siebten oder achten Schulklasse. Man nahm alte Jeans, nähte sie auseinander, machte Schnittmuster. Man kaufte hellen robusten Stoff, färbte ihn blau, kochte sie und nähte mit der alten Singer-Nähmaschine nach damaliger Zeit moderne Hosen. Ich verkaufte sie in meiner Schule, in meinem Haus, auf der Straße... Diese Erfahrung kam mir sehr zu Nutzen, als ich bereits während der Perestrojka, im Jahr 1989 in St. Petersburg eine kleine Fabrik zur Herstellung von Jeans eröffnete. Sie hieß „Leader“, dort arbeiteten 300 Arbeiter. Das illegale Business war legal geworden. Später habe ich mich weiters mit der Zucht von rassigen Pferden, aber auch mit Kunstversteigerungen beschäftigt.

ECCJ: Sie leben mittlerweile in Deutschland. Wie kam es dazu, dass Sie Russland verlassen haben?

KL: Ich hatte damals, als im August 1991 der Putsch in der Sowjetunion stattfand, noch nicht vor, das Land zu verlassen. Die endgültige Entscheidung traf ich ein paar Monate später, als sich die Atmosphäre im Land noch mehr verschlechtert hatte. Ich bin mit meiner Familie nach Deutschland gezogen, wo wir von Null anfangen mussten. Ich hatte zuerst einen kleinen Raum in Berlin gemietet, machte ein Geschäft auf, wo ich das ganze Sortiment an russischen Produkten verkaufte – von Sportschuhen bis Stereorecordern. Kunden gab es genug, vor allem viele russische Emigranten. Irgendwann haben mein Vater und ich begonnen, Überlegungen anzustellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Wir begannen Schokolade zu produzieren. Da kam uns der in Vergessenheit geratene Name der Uroma wieder in den Sinn und so nannten wir die Firma Bossner.

ECCJ: Warum ausgerechnet Schokolade? In Deutschland gibt es ohnehin viel ausgezeichnete Schokolade.

KL: Aber wir haben angefangen, eine besondere Schokolade zu produzieren, die es da noch nicht gab – Zartbitterschokolade mit Fruchtfüllung. Bis dahin haben dunkle Schokolade nur die Engländer konsumiert, und das ausschließlich mit Pfefferminzfüllung, aber in Deutschland machte man nur Vollmilchschokolade mit Fruchtfüllung. Alle „Konkurrenten“ sagten, dass keiner unsere Schokolade essen würde. Doch es vergingen einige Jahre und praktisch alle deutschen Fabriken begannen, genau die gleichen Produkte zu produzieren. Danach machten wir auch andere Sorten Schokolade, und begannen bald mit der Herstellung von Kaffee. Und eines Tages habe ich ein altes Familienfoto gesehen und mich daran erinnert, wie meine Großmutter erzählt hat, dass ihr Vater nie ohne eine Zigarre im Mund zu sehen war. Und ich überlegte, in das Zigarrengeschäft einzusteigen.

ECCJ: Haben Sie sich selbst auch für Zigarren interessiert?

KL: Zu jener Zeit hatte ich bereits eine zwanzigjährige Raucher-Laufbahn hinter mir. Die erste Zigarre habe ich noch in der Schule probiert. Sie war trocken, hatte einen herben, etwas ätzenden Beigeschmack und gefiel mir überhaupt nicht. Die richtige Leidenschaft für Zigarren entdeckte ich in den Studentenjahren, als ich bereits „anständige“ Getränke zu mir nahm, wie etwa den armenischen Cognac und kubanischen Rum. Übrigens haben wir Rum damals aus rein wirtschaftlichen Gründen getrunken: Rum war 30 oder 40 Kopeken billiger als Wodka und in der Flasche gab es davon 200g mehr. Eines Tages habe ich gemerkt, dass dieser Rum, den man pur überhaupt nicht trinken konnte doch sehr gut mit einer Zigarre zusammenpasste. Sowohl der Rum, als auch die Zigarre schmeckten gleich ganz anders.Sehr lange habe ich nur kubanische Zigarren geraucht – in der Sowjetunion gab es einfach keine anderen. Als ich einmal in der Dominikanischen Republik Urlaub machte, probierte ich die dortigen Zigarren, die der Zigarrenroller im Hotel drehte, und die es auf dem Markt zu kaufen gab. Da begriff ich, dass man auch eine Zigarre, genau wie Schokolade, nach dem eigenen Geschmack entwickeln kann. Daraufhin war es ein kurzer Schritt zur endgültigen Entscheidung, in das Zigarrenbusiness einzusteigen. Als ich aus der Dominikanischen Republik zurückgekommen war, begann ich Zigarrenfabriken, Zigarrenausstellungen zu besuchen und Zigarren verschiedener Herkunftsländer und verschiedener Hersteller zu probieren – ich suchte die Zigarre meines Geschmacks, und fand sie endlich.

ECCJ: Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf die dominikanischen Zigarren?

KL: Die Dominikaner sind flexibel. Sie versuchen zu verstehen, was man genau will und ziehen mit dir an einem Strang. Ich hatte verschiedene Geschäftspartner. Einige versuchten, mir ihren Geschmack aufzuzwingen und ich hörte mir ihre Meinung an, akzeptierte sie, versuchte jedoch bei meinem Geschmack zu bleiben. Ich mache ja die Zigarren unter anderem auch für mich selbst. Ich zähle mich zu den Rauchern, die kubanische, nicaraguanische und auch Bossner Zigarren rauchen. Meine Hauptaufgabe besteht darin, dem Menschen eine Zigarre zu geben, die ihm unabhängig von seiner Stimmung und Verfassung genau den Genuss, den er von ihr genau in dem Moment erwartet, bieten kann.

ECCJ: Wie erreichen Sie das?

KL: Alles, was im Unternehmen Bossner passiert, wurde ausschließlich nach der experimentellen Methode und mit der eigenen Erfahrung erprobt. Ich habe verstanden, dass die Zigarre auf allen Stufen ihrer Entstehung nur mit Menschen mit positiver Energie in Berührung kommen darf. Das betrifft alle: sowohl diejenigen, die säen und ernten, als auch diejenigen, die die Zigarre drehen. Ich glaube, dass wenn man zwei Zigarrenrollern absolut die gleichen Rohstoffe gibt und sie bittet, die gleichen Zigarren zu machen, das Endprodukt dennoch ganz verschieden werden kann.

ECCJ: Haben Sie das ausprobiert?

KL: Natürlich. Die Zigarren werden tatsächlich ganz unterschiedlich. Mein Ziel ist es, mich von sympathischen Menschen mit positiver Energie zu umgeben.

ECCJ: Das Unternehmen Bossner – wer gehört dazu?

KL: Das ist eine Gruppe von Gleichgesinnten.

ECCJ: Kann man diese Gleichgesinnten an einer Hand abzählen?

KL: Da reichen beide Hände nicht. Wenn man alle mitzählen würde, die mit ihrem unmittelbaren Einsatz an der Entstehung der Bossner Zigarren beteiligt sind, würde man auf ca. 150 Mitarbeiter kommen. Heutzutage werden die Bossner Zigarren in vier Fabriken in der Dominikanischen Republik und in einer Fabrik in Nicaragua produziert. Dort haben wir übrigens mit der Produktion völlig neuer Zigarren, die sich radikal von den anderen unterscheiden, begonnen. Zum einen wären da die „Admiral“, Format Torpedo, die jedoch nicht rund, sondern flach sind. Zweitens, die „Baron“, eine der dicksten Zigarren der Welt, mit einem Durchmesser von 24 mm. Diese Neuheiten haben ihre eigenen Kennzeichen: an einem Ende haben sie eine Kappe in Form eines Zopfes und am anderen Ende einen nicht abgeschnittenen Rand des Deckblattes. Verkauft werden sie in schönen Geschenkschatullen zu je 25 Stück.

ECCJ: Welche Neuheiten kann man noch erwarten?

KL: Wir beabsichtigen, Zigarren kleinen Formates herauszubringen. Für den Anfang ein bis zwei Formate: Figurado oder Torpedo. Wir denken auch über eine Linie von preiswerten Zigarren nach, damit auch Raucher mit kleinem Geldbeutel den Bossner Geschmack kennen lernen können.

ECCJ: Wie groß ist das Produktionsvolumen zur Zeit?

KL: Zur Zeit nicht sehr groß, ca. 250.000 Zigarren pro Jahr. Wenn uns alles gelingt, werden wir vielleicht diese Grenze bald überschritten haben. 100-120.000 werden nach Russland und in die Ukraine, der Rest  nach Europa verkauft. In Deutschland, zum Beispiel werden um die 60.000 Stück verkauft.

ECCJ: In wie weit sind Sie in die Produktion involviert?

KL: Ich bin bei jeder Etappe der Produktion mindestens einmal anwesend. Das heißt, dass ich jede Fabrik ca. 10 bis 12 Mal im Jahr besuche.

ECCJ: Und wie steht es mit Ihrem persönlichen Rauchkonsum?

KL: Mindestens eine bis zwei pro Tag! Durchschnittlich aber 3 bis 4 Stück. Morgens rauche ich eine kleine Corona, tagsüber Robusto oder eine größere Corona, abends etwas Solides – Double Corona oder Churchill.

ECCJ: Warum überragt eigentlich Ihre Churchill in der Größe die Double Corona? Denn nach der traditionellen Klassifizierung ist die Churchill etwas kürzer und dicker.

KL: Bei der Namensgebung für meine Zigarren habe ich nicht an das übliche Format Churchill gedacht, sondern an den reellen Menschen Winston Churchill, der meiner Meinung nach für sein Land und für die ganze Welt viel mehr als die Queen getan hat. Deshalb wurde das Format auch größer. So habe ich entschieden.

ECCJ: Kommen wir langsam zum Ende unseres Interviews. Wie stehen Sie zu Sponsoring und Spenden?

KL: Ich teile diese in drei Kategorien ein: 1. Sponsoring zu Werbezwecken und der Markterweiterung, z.B. ist das Unternehmen Bossner Generalsponsor der jährlich stattfindenden Ausstellung „Tabac Expo“ in Moskau. 2. Sponsoring zu Zwecken der Unterstützung der Kunst und Kultur z.B. ist das Unternehmen Bossner Generalsponsor des internationalen Filmfestivals in St. Petersburg. 3. Und nun das Wichtigste: Spenden an Krankenhäuser, Altersheime, Internate, Schulen, Kindergärten, Religionsgemeinden.

ECCJ: Sie sagen: Filmfestival in St. Petersburg, Russland, Zigarrenausstellung in Moskau, wieder Russland. Verstehe ich richtig, dass Ihre Unterstützung nur für Russen und nur in Russland gilt?

KL: Nein, unsere Hilfe hat keine nationalen und religiöse Grenzen. Wir spenden unsere Schokolade nicht nur nach Russland, sondern auch in Deutschland, wie z.B. an Schulen, aber auch an Kindergärten und verschiedene Religionsgemeinden. Mit Kuba hatten wir leider Schwierigkeiten. Die Botschaft von Kuba hat uns, nach mehreren Verhandlungen mit ihren Ministerien, erklärt, dass kubanische Kinder keine Süßigkeiten brauchen. Als ich nach Kuba zum Zigarrenfestival kam, hatte ich einige Koffer mit Schokolade mitgebracht. Ich bekam den Eindruck, dass die kubanische Botschaft und das Ministerium über falsche Informationen, was die Vorlieben der kubanischen Kinder für Schokolade angeht, verfügt. Also, liebe Journalisten, wenn Sie uns eine Hilfe erweisen, werden wir gern noch mal Süßigkeiten nach Kuba spenden.

 
   
 





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