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Der Zigarrendoktor

Frage: Die von Ihnen immer gepriesene Kunst der Zigarrenroller schön und gut – aber was hält eigentlich die Tabakblätter wirklich zusammen? Da wird doch immer auch ein Leim verwendet – ist der chemisch? Raucht man den am Ende mit?
Anton F., A-Graz

Antwort: Zigarrenrollen ist wirklich eine Kunst – Sie sollten es selbst einmal probieren. Zum Beispiel gab es bei den letzten beiden Festivales del Habano in Havanna unter Anleitung eines Meister torcedors ein Seminar über Zigarrenrollen. Obwohl wir beste Tabake bekamen und auch alle Requisiten, wie sie in der Fabrik verwendet werden – Holzbrett, Messer (chaveta) etc. – waren doch die Ergebnisse eher mager. Sie haben recht, da war auch ein kleiner Tiegel Leim dabei: Dieser dient dazu, das Deckblatt zu fixieren und auch das kleine Käppchen beim Mundstück, das man – so kunstvoll es auch angebracht wird – wieder mit einem Cutter abschneidet. Das Innenleben der Zigarre – Einlage und Umblatt – wird rein durch die Kunst des torcedors und allenfalls einer Pressform zusammengehalten – bei der Dannemann Artist Line HBPR wird nicht einmal diese verwendet. Der Leim ist aus rein biologischen Stoffen – wie z.B. Gummiarabicum, das aus der Rinde verschiedener Akazienarten gewonnen wird – eine erhärtete, quellbare, wasserlösliche, pektinartige Substanz, die als Klebstoff und Bindemittel verwendet wird. Der Leim ist absolut unschädlich – Zigarrenrauch wird außerdem ohnehin nicht inhaliert. Aus den Urzeiten der Zigarre, wo der Leim angeblich einen leicht bitteren Geschmack aufwies, stammt der eher entbehrliche Brauch, die Zigarre vor dem Rauchen mit der Flamme die ganze Länge entlang „anzufackeln“. Das sollte den bitteren Geschmack wegbringen.
Sehr nützlich ist ein kleines Fläschchen – erhältlich im Fachhandel – genannt „The Cigar Doctor“ (leider nur eine Namensähnlichkeit mit dieser Kolumne): Die chemische Zusammensetzung ist aufgedruckt: Äthyl-Hydroxyethel, Cellulose, destilliertes Wasser. Kleine Deckblattschäden behebt man leicht, indem man die klebrige, geruchlose Flüssigkeit mit einem kleinen Pinsel, der dabei ist, reichlich unter das teilweise abgelöste Deckblatt appliziert, leicht andrückt und trocknen lässt.

Frage: In der letzten Ausgabe haben Sie erklärt, warum meist 25 Zigarren in einem Kistchen sind. Was heißt 8-9-8 – das habe ich auf einer schönen lackierten Kiste gesehen ?
Urs K., Bochum

Antwort: Zigarren, wo „8 – 9 – 8“ am Kistchen steht, sind in drei Lagen verpackt. Unten 8, in der Mitte 9, oben wieder 8, das macht zusammen 25. Die Kistchen sind meist besonders schön, lackiert – englisch „varnished“ – wahre Cigarren Cabinets. Bekannt sind die Partagás 8-9-8 (spanisch – ocho – nuevo – ocho; sprich: otscho) – eine schöne, gehaltvolle Lonsdale (die Produk­tion einer Partagás 8-9-8 Gran Corona in einer unlackierten Kiste wurde eingestellt – auch die der Ramon Allones 8-9-8). Dafür glänzen viele andere nichtkubanische Edelmarken wie Arturo Fuente, Ashton, Cuesta Rey oder Macanudo mit 8-9-8 Cabinets. In Jamaica gibt es eine eigene 8-9-8 Collection in verschiedenen Formaten, die von Mike’s Cigars in Miami vertrieben wird. Zigarren-Autorität Vahé Gérard rät, Cabinets länger zu lagern, weil der Luftaustausch durch das lackierte Holz nicht so stark ist und gelegentlich zu lüften. In Kuba – und auch anderswo – werden die 8-9-8 Bündel in der Kiste von einem gelben Seidenband zusammengehalten. Rahel Wagner vom Tabaklädeli in Zürich hat sie fleißig gesammelt und daraus ein Kleid genäht – damit hat sie einmal sogar das Cover dieses Journals geziert.

Frage: Ich rauche nun seit gut zehn Jahren Zigarren. Bisweilen war es mir eigentlich wichtiger, sie zu rauchen als sie zu studieren. Doch seit einiger Zeit und nach dem Durchforsten einiger Internetforen, welche meinen Informationsdurst nicht befriedigen konnten, beschäftigen mich immer mehr Fragen rund um das Thema Zigarre.
Haben Zigarren eigentlich einen herkunftstypischen Geschmack?
Schmecken Zigarren aus der Dom. Rep. eher leicht und süßlich und Zigarren aus Honduras meist erdig und nach Zartbitterschokolade ?
Gibt es einen „markentypischen” Geschmack? (z.B. schmecken die meisten Montecristos pfeffrig, Zigarren von Bolivar leicht nach Zitrone und die meisten Formate von La Meridiana nach Olive und Eukalyptus?)
Wie entscheidend ist nun eigentlich das Deckblatt?
Angenommen wir haben eine Einlage und das Umblatt: Wie verändert sich der Geschmack mit einem Brasil/Maduro/Connecticut/Sumatra/.... Deckblatt?

Markus G., A-Altenberg

Antwort: Das ist ja gleich ein ganzes Bündel an Fragen. Die Antwort fällt hoffentlich nicht zu kurz aus – aber wir starten in dieser Ausgabe, angeregt von Lesern, eine Serie „Tabakprovenienzen“, wo einiges beantwortet wird – z.B. dieses Mal über die Tabake der Dominikanischen Republik. Jede Provenienz hat gewisse sortenspezifische Geschmacksnoten. Sumatra schmeckt pfeffrig; Java erdig; Brasil würzig – aber es gibt natürlich jede Menge Ausnahmen. In einer „Aromascheibe“, zuletzt abgedruckt in diesem Journal in der Ausgabe 2/2002, habe ich versucht, die bekannten Aromen, die sich im Zigarrentabak finden, zusammenzufassen – und auch schlechte Geschmäcker und jene, die sich durch schlechte Lagerung ergeben. Hier wird Brasil mehr mit schokoladig-nussigen Noten assoziiert, Sumatra mehr mit floral-herbalen Noten. Das größte Geschmacksspektrum hat die Havanna – mit kleinen Einschränkungen Honduras, Nicaragua – es reicht von Edelholz, Kaffee-Noten bis ins fruchtig Blumige.
Generell ist es schwierig, Geschmäcker verbal darzustellen. Die meisten Zigarrenverkoster kommen von der Weinverkostung, wo sich eine üppige, blumenreiche Sprache eingebürgert hat. Mit Ihren Beobachtungen liegen Sie durchaus richtig – sie sind natürlich rein subjektiv. Seien Sie daher nicht enttäuscht, wenn ein anderer Raucher keine Zitronennote in der Bolivar herausschmeckt – da werden Sie wahrscheinlich eher wenige finden, die Ihnen dabei folgen; oder die bei der La Meridiana aus Nicaragua – übrigens eine sehr gute Zigarre mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis – mehr die zarte Mandelnote lieben. Generell bemüht man sich, einen markenspezifischen Geschmack durchzuziehen, was bei unterschiedlichen Ernten und unterschiedlichen Formaten für die Tabakexperten nicht immer leicht ist.
Je größer der Anteil des Deckblattes am Gesamtgewicht einer Zigarre, desto größer der Anteil am gesamten Geschmackserlebnis. Bei einem Zigarillo wird das Deckblatt einen größeren Einfluss haben – man sagt bis zu 30 % – als bei einer großen Zigarre, womöglich mit einem hauch dünnen Connecticut shade Deckblatt oder einem Corojo Deckblatt aus Kuba. Dort sind sicher die gut fermentierten Einlagetabake dominant. Ein Maduro- oder Brasil-Deckblatt kann der Zigarre eine süßliche oder Schokonote verleihen; ein Sumatra-Deckblatt ein gewisses „Pfefferl“. Am neutralsten ist sicher das dünne Connecticut Deckblatt – dafür ist es hell und optisch schön. Auch das Auge raucht mit.  
Es gilt rauchen, rauchen, vergleichen – womöglich mit Gleichgesinnten diskutieren, Fachliteratur – auch dieses Journal – studieren. Auch wenn man mit den Tasting-Ergebnissen nicht einer Meinung ist , macht das nichts: sie sollen ja vor allem zur Diskussion anregen.
Wie sagte doch der Zigarren-Connoisseur, der es endlich zu einem fast unfehlbaren Gaumen gebracht hatte: „Meine Leidenschaft für Zigarren hat mich drei Ehen und ein kleines Vermögen gekostet.“ Gut das er vorher ein großes hatte.

 
   
 





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